Umstrittener Freispruch für Banlieue-Polizisten

PARIS. Zehn Jahre nach dem Tod zweier Banlieue-Jugendlicher hat ein französisches Gericht die involvierten Polizisten von jeder Mitverantwortung freigesprochen. «Ein Skandal!», «Ihr seid verantwortlich», «Wir vergeben nicht.».

Stefan Brändle
Drucken

PARIS. Zehn Jahre nach dem Tod zweier Banlieue-Jugendlicher hat ein französisches Gericht die involvierten Polizisten von jeder Mitverantwortung freigesprochen. «Ein Skandal!», «Ihr seid verantwortlich», «Wir vergeben nicht.». Wie eine Lawine ergossen sich gestern solche Kommentare über die sozialen Medien, nachdem das Berufungsgericht in Rennes sein Urteil gefällt hatte. Eine Überraschung war es nicht mehr dar, nachdem sich der Staatsanwalt zum Abschluss der mehrwöchigen Verhandlung den Argumenten der Verteidigung angeschlossen und auf Freispruch plädiert hatte.

Gestern kam nun auch das Gericht zum Schluss, dass die beiden beteiligten Polizisten keine Mitschuld am Tod des 17jährigen Zyed Benna und des 15jährigen Bouna Traoré treffe. Die beiden Einwandererjugendlichen waren 2005 in einem Elektrizitätswerk von Clichy-sous-Bois nördlich von Paris ums Leben gekommen. Ihrem Unfalltod folgten schwere Krawalle, die sich über ganz Frankreich ausdehnten und 10 000 ausgebrannte Autos, fast 3000 Festnahmen und mehr als hundert Verletzte nach sich zogen.

«Gebe nicht viel auf ihr Leben»

Die Vorfälle des 27. Oktobers 2005 sind nicht restlos geklärt. An jenem Nachmittag ging bei der lokalen Polizei ein Anruf ein, mehrere Jugendliche seien in eine Baustelle eingedrungen. Als Wachtmeister Sébastien Gaillemin dort eintraf, rannten drei Jugendliche in Richtung eines Wäldchens davon. Wenige Schritte dahinter ist das durch einen Zaun geschützte Stromwerk, wo sich Zyed und Bouna in einem Trafo versteckten. Sie wurden von einem Stromschlag tödlich getroffen, während ihr Kollege Muhittin Altun mit Verbrennungen überlebte.

Über Funk gab der Polizist an die wachhabende Volontärin Stéphanie Klein unter anderem durch: «Wenn Sie in das Gelände eindringen, gebe ich nicht viel auf Ihr Leben.» Er selbst unternahm aber nichts. In der Einvernahme erklärte er, er habe das Stromwerk zweimal abgesucht, aber die Burschen nicht entdeckt; um halb sechs sei er auf den Posten zurückgekehrt. Um 18.11 Uhr erfolgten die tödlichen Stromstösse.

Kein Einspruch möglich

Hätte der relativ unerfahrene Polizist Hilfe anfordern sollen? Hätte er von der Werkbetreiberin einen Stromunterbruch verlangen müssen? Juristisch gesprochen: Unterliess er eine Hilfeleistung für gefährdete Personen? Dieser Tatbestand stand im Mittelpunkt des Prozesses, den mehrere Anwälte gegen die Polizei anstrengten. Ihr Einsatz blieb jahrelang fruchtlos. Erst Anfang 2015 begann der Prozess. Er wurde zudem in die bretonische Stadt Rennes verlegt, um Ausschreitungen vor dem Gerichtsgebäude auszuweichen.

Diese Massnahme verstärkte aber nur noch das Gefühl, dass sich die Justiz aus den Vorstädten raushalte, und schien auch übertrieben: Während des Prozesses blieb es in Clichy-sous-Bois und darüber hinaus ruhig. Umso dezidierter verlangten die Angehörigen Gerechtigkeit. «Das Urteil ist für uns sehr wichtig», sagte noch gestern morgen Adel Benna, der ältere Bruder Zyeds.

Kurz darauf der Freispruch. Es gebe keinerlei Indizien für eine Mitschuld der beiden Polizisten, lautete das Urteil, in einem Satz gesagt. Eine finanzielle oder moralische Entschädigung für die Hinterbliebenen entfällt damit. Und während eine Verurteilung anfechtbar gewesen wäre, ist ein Freispruch nach französischem Recht letztinstanzlich.

Zu Protest aufgerufen

Polizeianwalt Daniel Merchat freute sich, die beiden Polizisten könnten sich erstmals seit zehn Jahren grunderleichtert fühlen. Der Verteidiger der Angehörigen, Emmanuel Tordjiman, sagte dagegen: «Die Opfer werden nicht als solche anerkannt. Es wird letztlich bedeuten, es sei überhaupt nichts passiert.»

Der Verein «Au-delà des mots» (Jenseits der Worte) rief für gestern abend zu einer friedlichen Protestkundgebung vor dem Gericht der Pariser Banlieue-Stadt Bobigny auf. 2005 hatten die Krawalle kurz nach der Todesnachricht begonnen.

Aktuelle Nachrichten