Ultimatum verstreicht ohne Angriff

Die Lage der Demonstranten im Zentrum der thailändischen Hauptstadt wird immer schwieriger. Die Streitkräfte haben gestern zunächst auf einen Sturm auf die Strassenbarrikaden verzichtet. Unruhen nun auch auf dem Land.

Willi Germund
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bangkok. Die Uhr schlug drei Uhr nachmittags und eine unheilvolle Stille legte sich über das seit zwei Monaten von den «Rothemden» besetzte Zentrum der Stadt. Auf der Protestbühne versammelten sich einige buddhistische Mönche zum Gebet. An den Strassenbarrikaden rüsteten sich die Kämpfer der «Union gegen Diktatur und für Demokratie» (UDD) mit Molotowcocktails, Holz- und Eisenstangen für den erwarteten Ansturm der Sicherheitskräfte. Bangkok drohte ein Blutbad.

Doch das Ultimatum zum Verlassen der Gegend, das die Regierung den Demonstranten am Sonntag gestellt hat, kam und verstrich, ohne dass die Militärs zum Sturm der «Roten Zone» ansetzten. Es gab vereinzelte Scharmützel mit sieben Toten. Am Abend gab es eine Art Entwarnung. Ein Regierungssprecher erklärte: «Wir müssen den Frauen und Kindern mehr Zeit geben, um unsere Absichten zu kommunizieren. Sie haben falsche Informationen erhalten.»

Viele Frauen und Kinder

Gemessen an den Gewalttätigkeiten der vergangenen Tage verlief der Tag ruhig. Sie waren am Donnerstagabend ausgebrochen, nachdem der Sicherheitschef der «Rothemden», der entlassene Armeegeneral Khattiya Sawasdipol, von einem Scharfschützen in den Kopf getroffen wurde. Er starb gestern morgen in einem Spital in Bangkok.

In einem buddhistischen Tempel mitten im besetzten Gebiet, den die Regierung als «Asyl» für sich ergebende Demonstranten bezeichnet hatte, standen Hunderte von Frauen und Kindern, um sich beim Roten Kreuz mit Notrationen zu versorgen. «Wir sind mit dem Einverständnis beider Seiten hier, um zu helfen», sagte der Leiter der Helfer, «und wir bereiten uns auf den Fall von vielen Verletzten vor.» Wenige Minuten später mussten sie abziehen – auf Geheiss der Regierung.

«Die Regierung wäre dumm, wenn sie gegen uns vorrücken würde», sagte kurz darauf Weng Tojirakam, ein zum «Rothemden»-Führer gewandelter Allgemeinmediziner aus dem Norden Thailands, «denn das wird viele Menschenleben kosten.» Er wollte nicht aufgeben, auch wenn er zugab: «Wir haben keine Chance gegen die Militärs. Wir sind alle unbewaffnet.» Das stimmt allerdings nicht. Während der vergangenen Tage wurden immer wieder bewaffnete Demonstranten gesehen.

«Das ist wie bei einem menschlichen Körper, der sich gegen Bakterien wehrt», rechtfertigt Weng bewaffnete Aktionen. «Wir schützen uns so.»

Unruhen in einzelnen Provinzen

Zu dieser Zeit hoffte er noch auf Vermittlungsversuche von Politikern. Aber sie scheiterten. «Wenn wir alle ums Leben kommen, entzündet das vielleicht einen Aufruhr im ganzen Land.» Tatsächlich gab es gestern vereinzelte Berichte von Unruhen in verschiedenen Regionen des Landes. Die Regierung verhängte inzwischen den Notstand in 22 Provinzen.

Sie liegen überwiegend im Norden und Nordosten Thailands, den Bastionen der Regierungsgegner.

Ausserdem liess Premierminister Abhisit die Konten von 106 Personen und Firmen einfrieren, die beschuldigt werden, die «Rothemden» zu finanzieren. Darunter sind auch die Guthaben der ehemaligen Ehefrau und der Kinder von Thaksin Shinawatra, dem 2006 gestürzten Premierminister des Landes.