UKRAINE: Todesschüsse mit politischer Botschaft

In Kiew ist der abtrünnige russische Ex-Parlamentarier Denis Woronenkow erschossen worden. Russland und die Ukraine weisen sich gegenseitig die Schuld an dem Mord zu. Der Fall ist beispielhaft.

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Laut Polizei war es ein Auftragsmord. Als Denis Woronenkow (45) am Morgen das Hotel «Premiere Palace» im Zentrum von Kiew verliess, eröffnete ein Unbekannter das Feuer. Woronenkows Leibwächter schoss zurück, verletzte den Angreifer schwer. Woronenkow starb sofort.

Der Tod des russischen Ex-Duma-Abgeordneten ist ein Politikum. Eineinhalb Stunden später beschuldigte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko Moskau: «Das ist ein Akt des Staatsterrorismus von Seiten Russlands.» Der Mord trage die Handschrift russischer Geheimdienste. Generalstaatsanwalt Juri Luzenko sprach von einer «für den Kreml üblichen demonstrativen Hinrichtung eines Zeugen.» Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte laut der Agentur Ria Nowosti «alle Hirngespinste über die russische Spur absurd». Die Ukraine habe sich unfähig gezeigt, Woronenkow zu schützen. Der Moskauer Politologe Aleksei Muchin äusserte sich gegenüber unserer Zeitung kategorischer. «Das Schema ist einfach. Woronenkow fährt nach Kiew, gibt Interviews, beschimpft Russland, lässt sich als Zeuge gegen Expräsident Viktor Janukowitsch befragen. Dann wird er ermordet, gleichzeitig beschuldigen Präsident und Generalstaatsanwalt Moskau. Das ist eine politische Provokation gegen Russland.»

Vergleich Russlands mit Nazi-Deutschland

Der kommunistische Abgeordnete Woronenkow hatte sich im Oktober in die Ukraine abgesetzt. Er verglich die Situation in Russland mit der in Nazi-Deutschland. Er erklärte, der Staatssicherheitsdienst FSB verfolge ihn, weil er den vom FSB kontrollierten Rauschgiftschmuggel bekämpft habe. Im ukrainischen Hochverratsverfahren sagte er gegen den geflohenen Expräsidenten Janukowitsch aus. Die russischen Behörden wiederum schrieben Woronenkow wegen Immobilienbetrugs zur Fahndung aus.

In der Ukraine gab es seit 2014 mehr als ein Dutzend politisch motivierte Morde. 2016 starben der Rechtsanwalt Juri Grabowski, der im Donbass gefangene russische Militärs verteidigt hatte sowie der TV-Journalist Pawel Scheremet, der erst aus Weissrussland und dann aus Russland emigriert war. Oppositionelle Publizisten fürchten ebenso wie politische Flüchtlinge aus Russland um ihr Leben. Kiew macht den FSB, Moskau ukrainische Radikale verantwortlich. Die meisten Morde bleiben unaufgeklärt. Auch Woronenkows Mörder starb kurz nach der Tat.

Stefan Scholl, Moskau