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UKRAINE: Ernüchternde Revolution

Vier Jahre nach den Protesten auf dem Maidan-Platz lebt Kiew wieder in einer Zeit voll von Enttäuschungen und Zweifel. Niemand weiss, ob das Volk die Revolution hinter oder vor sich hat.
Stefan Scholl, Kiew
Gedenken an die getöteten Maidan-Aktivisten am Denkmal nahe des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew. (Bild: Stepan Franko/EPA (Kiew, 20. Februar 2018))

Gedenken an die getöteten Maidan-Aktivisten am Denkmal nahe des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew. (Bild: Stepan Franko/EPA (Kiew, 20. Februar 2018))

Stefan Scholl, Kiew

Weisse Rauchfahnen hängen über den Protestzelten. Es riecht nach feuchter Holzkohle, wie 2014 auf dem Maidan – Kiews zentralen Platz. Ein paar Männer stehen im Schnee und reden. «Was passieren wird?», der Yoga-Lehrer Alexei Kalaschnik überlegt. «Schwer zu sagen. Aber wissen Sie, von Zeit zu Zeit beseitigt jedes Bienenvolk seine Drohnen.» Nur, beim nächsten Maidan würden die Aufständischen keine Deckung hinter Holz- oder Blechschildern suchen, wenn die Sicherheitskräfte aus automatischen Waffen das Feuer eröffnen. Sondern sofort zurückschiessen.

Vor vier Jahren stürzten in Kiew proeuropäische Aufständische den russlandtreuen Staatschef Viktor Janukowitsch, nach dreimonatigen Protesten auf dem Maidan, dem zentralen Platz der Stadt, nach Blutvergiessen und Schiessereien, bei denen über hundert Menschen starben. Aber die Sieger von damals ­fühlen sich betrogen, der neue Präsident Petro Poroschenko ist inzwischen selbst heftig umstritten, seit Monaten kampieren wieder Hunderte Regimegegner in einem Protestlager, diesmal direkt neben dem Parlament. Maidan-Veteranen, aber auch Obdachlose.

Zwischen hipper Innenstadt und Altersarmut

Die Wirtschaft hängt durch, die Reformen klemmen, die Pressefreiheit wankt. Kiew ist wieder Hauptstadt sehr zweifelhafter Zustände. Und niemand hier weiss, ob es vor oder nach der Revolution lebt. Kiew ist smart, jedenfalls seine Innenstadt. Im fröhlichen Gewirr der Autoren-Cafés und Craft-Bier-Kneipen machen junge Leute Musik, ihre Texte sind meist ukrainisch. «Kiew berlinisiert sich», sagt der Politologe Konstantin Batosky. Neue Bioläden, Modeschneidereien und IT-Büros machten auf, sie profitierten von dem Steuerprüfmoratorium, das Poroschenko für kleine und mittlere Unternehmen ausgerufen habe.

Aber gegenüber dem Hilton-Hotel steht ein Mütterchen und bietet riesige Frauenunterhosen feil. Die ukrainische Durchschnittsrente liegt unter 75 Euro. Das Bruttoinlandprodukt kletterte vergangenes Jahr offiziell um 2 Prozent. Allerdings sagt der deutsche Wirtschaftsanwalt Wolfram Rehbock, der seit über 15 Jahren in Kiew arbeitet, gemessen in US-Dollar sei das Wirtschaftsvolumen gegenüber 2013, der Zeit vor dem Maidan, um 50 Prozent geschrumpft. «Eine Vielzahl meiner Aufträge in der letzten Zeit waren Rückabwicklungen.»

«Ich glaube niemandem mehr»

Selbst das erfolgreiche Kiew ist arm. Der Computerdesigner Michailo Gafin teilt sich mit seiner Freundin eine möblierte Einraumwohnung in einem Backsteinwohnblock, für umgerechnet knapp 200 Euro. Der Block seines Computers steht auf billigem Linoleumfussboden, neben einem sowjetisch aussehenden Altschrank.

Michailo zeigt stolz Webseiten, die er für Kiewer Schönheitssalons, russische Baufirmen und ukrainische Internetläden entworfen hat. 500 bis 5000 Dollar verdiene er im Monat, diesen ­Januar aber gerade 370 Dollar. «Die meisten Ukrainer haben gerade Geld für Brot, Butter und Wurst.» Auch Michailo riskierte 2014 auf dem Maidan Kopf und Kragen, aber heute, sagt er, würde er nicht mehr hingehen. «Was haben wir geändert? Einen Dreck.» Poroschenko traue er nicht, seinen Gegenspielern auch nicht. Jetzt klickt Michailo nicht mehr von Firmenlogo zu Firmenlogo. Er klickt von Fotos, die die ­Revolutionsheldin Nadeschda Sawschtschenko in verdächtiger Nähe zu Einsatzpolizisten zeigen, zu Fotos mit mutmasslichen Einschusslöchern auf den Bäumen am Maidan. Die darauf hindeuten, dass die Aufständischen aus dem Hotel Ukraina beschossen wurden, das die Aufständischen selbst kontrollierten. Die Fotos riechen nach Verrat, findet Michailo. «Ich glaube niemandem mehr.»

Ausländische Firmen beklagen Korruption

Es gibt auch Kiewer, die loben Poroschenkos Gesundheitsreform, die – sehr zum Ärger der Ärzte – Schmiergelder durch Kassenhonorare ersetzen soll. Auch die Armee sei unter ihm halbwegs gut ausgerüstet worden. Aber nach jüngsten Umfragen wollen bei den Präsidentschaftswahlen 2019 nur 7,6 Prozent der ukrainischen Wähler für Poroschenko stimmen. Der Kampf gegen die Korruption, eines der Hauptanliegen des Maidans, gilt als gescheitert, laut der amerikanischen Handelskammer in Kiew klagten 2017 91 Prozent der ausländischen Unternehmer über Schmiergeldforderungen.

Poroschenkos Behörden behindern die Arbeit des neuen Antikorruptionsbüros, seine Gerichte verschleppen die Aufklärung der Todesschüsse auf dem Maidan, ebenso der Ermordung unliebsamer Journalisten. Seine Sicherheitsorgane stürmten die Redaktion der Oppositionszeitung «Westi» unter Einsatz von Tränengas. Und sie deportierten den zuvor von Poroschenko ­persönlich eingebürgerten georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili, nachdem er lautstarke Antikorruptionsproteste organisiert hatte.

Politische Parteien sponsern Bataillone, die im Donbass gekämpft haben. Etwa das nationalistische Regiment Asow, das als Saalschutz der «Volksfront» gilt, der Partei des liberalen Ex-Premiers Arseni Jazenjuk. Unklar, wie er die Kampfkraft der Asow-Mannen nutzen will.

Freizeitkrieger und Luxusferien

Man sieht Kiew nicht die knapp 600 Kilometer entfernte Front an, an der täglich ukrainische ­Soldaten verwundet werden oder sterben. Aber unlängst erstach ein gerade von dort heimgekehrter Leutnant an einer Bushaltestelle einen Passanten. Der Krieg ist in den Köpfen, der Spielfilm «Cyborgs», über die ukrainischen Verteidiger des Donezker Flughafens, füllte wochenlang die Kinos. Aleksei, Kunsttischler, Anfang 50, plaudert in einem ­vietnamesischen Imbiss erst über Langstreckenlauf, dann zeigt er auf seinem Handy Fotos vom letzten Aufklärungseinsatz seines Scharfschützentrupps im Donbass, einer der Kiewer, die in ihrer Freizeit Krieg führen. Die Neujahrsferien Poroschenkos auf den Malediven, welche nach Medienberichten 500000 Dollar kosteten, wurden zum öffent­lichen Skandal. «Ob Herr Poroschenko wohl seinen Kampfanzug mitgenommen hat?», höhnt der Blogger Stanislaw Retschinski. «Für alle Fälle?»

Der neue Präsident prasst wie der alte, Kiew lebt in einer Zeit der Enttäuschung, die manche als schmerzhaften Stillstand, andere als freien Fall empfinden. «Ich habe das Gefühl, wir stürzen ab», klagt Ina Solotuchina, Journalistin des Oppositionsportals Strana.ua, deren Chefredaktor wegen Erpressungsvorwürfen nach Österreich geflohen ist. «Und niemand weiss, wie hart der Aufprall wird.»

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