Üble Gerüchte und dubiose Atteste

USA Hillary Clintons Schwächeanfall rückt die Gesundheit der Präsidentschaftskandidaten ins Zentrum des Wahlkampfs.

Thomas Spang/Washington
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Donald Trump versteckt in seinen Genesungswünschen für Hillary Clinton eine giftige Pille. «Irgendwas geht vor sich», unkt der 70-Jährige im Frühstücksfernsehen von Fox über die Fitness seiner 68jährigen Konkurrentin um das Präsidentenamt. Er hoffe, dass Hillary bald wieder auf den Beinen sei. «Aber natürlich ist das Ganze ein Problem.»

Auf jeden Fall kommt der Zwischenfall für Clinton zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Ausgerechnet am 15. Jahrestag der Terrorattacken vom 11. September, als am Gedenkort «Ground Zero» alle Kameras auf die frühere New Yorker Senatorin gerichtet waren, zeigt die Kandidatin Schwäche. Bei ihrer Ankunft am frühen morgen stieg Clinton noch gut gelaunt aus ihrem Wagen. Sie schüttelte Hände und plauderte eine Weile mit Senator Chuck Schumer, bevor sie auf einmal ohne jede Erklärung von der Bildfläche verschwand. Die mitreisende Presse erfuhr erst eineinhalb Stunden später, die Kandidatin habe wegen «Überhitzung» vorzeitig die Gedenkveranstaltung verlassen.

Die Erklärung überraschte angesichts der angenehmen 27 Grad Celsius ebenso wie die Geheimniskrämerei ihres Teams. Zumal später ein 20 Sekunden langes Handyvideo auftauchte, das zeigt, wie der Secret Service der scheinbar kollabierten Clinton in einen Van hilft. Die Beamten bringen sie in die Wohnung von Tochter Chelsea, im Ostteil Manhattans.

Gerüchte und verwirrende Informationen

Während sich Clinton dort erholt, überschlagen sich auf den Kabelkanälen die Spekulationen. Ist doch etwas dran an den hartnäckigen Gerüchten, wonach Clinton eine bedrohliche Krankheit verstecke? Kürzlich erst verstieg sich Trump-Unterstützer Rudi Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, zur Aussage, die etablierten Medien vertuschten ihren Gesundheitszustand. Die Amerikaner sollen doch einfach mal im Internet nach «Clinton» und «Krankheit» suchen.

Die Google-Suche führt direkt ins Reich der Verschwörung, das von düsteren Gestalten wie Matt Drudge und dem kürzlich zu Trumps Wahlkampfmanager berufenen Stephen Bannon beherrscht wird. Seit Monaten verbreiten diese wahlweise Gerüchte über einen Lungenschaden, ein Gehirnleiden oder Parkinson.

Aus dem gleichen Sumpf sprossen gestern neue Blüten. Sie behaupteten, die Frau, die zwei Stunden nach Clintons Ankunft bei ihrer Tochter das Gebäude verlassen habe, sei eine Doppelgängerin gewesen. Während dies zur Abteilung «grober Unsinn» gehört, glaubten die wartenden Reporter der Kandidatin genauso wenig, dass sie sich «grossartig» fühlte an diesem «schönen Tag in New York».

Tatsächlich war es für Clinton alles andere als ein «schöner Tag». Ein paar Stunden später teilte ihre Ärztin Lisa Bardack endlich Einzelheiten mit. Clinton leide an einer Lungenentzündung und werde seit Freitag mit starken Antibiotika behandelt. Statt Bettruhe zu halten, habe sie unbedingt an den Gedenkfeiern teilnehmen wollen. Die Diagnose erklärte auch die wiederholten Hustenattacken an Wahlkampfauftritten der vergangenen Tage.

Der Schwächeanfall rief in Erinnerung, dass mit Ausnahme Ronald Reagans und John McCains nie zuvor so alte Präsidentschaftskandidaten antraten wie Trump und Clinton. Während McCain Hunderte Seiten seiner Krankenakte offenlegte, gibt es in diesem Wahlkampf nur sehr rudimentäre Informationen.

Offenlegung der Krankenakte gefordert

Trump legte ein Attest seines langjährigen Hausarztes Harold Bornstein vor, in dem es an Superlativen und Rechtschreibfehlern nur so wimmelte. Würde sein Patient ins Weisse Haus gewählt, so der Doktor, wäre dieser «der gesündeste Präsident aller Zeiten». Einem Reporterteam von NBC erklärte Bornstein das kuriose Attest mit Zeitnot. Er habe nur fünf Minuten gehabt, den Brief zu Papier zu bringen, während eine Limousine des Trump-Teams draussen vor der Tür mit laufendem Motor auf ihn wartete.

Auch sonst muten ein paar Dinge merkwürdig an. So weist der Briefkopf Bornstein als Mitglied des American College of Gastroenterology aus, obwohl er diesem schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr angehört. Und das New Yorker Spital, in dem Bornstein angeblich praktiziert, weiss nichts davon.

Barack Obamas langjähriger Hausarzt David Scheiner versuchte die Debatte in einem Beitrag für die «Washington Post» zu versachlichen. «Das ist das wichtigste Amt der Welt und wir haben zwei ältere Personen, die dafür antreten», schrieb Scheiner, der für eine vollständige Offenlegung der Krankenakten beider Kandidaten plädiert. «Schlechte Dinge passieren.»

Im Fall Clintons gehören dazu zwei Thrombosen 1998 und 2009 sowie eine Gehirnerschütterung im Dezember 2012 mit einem Blutgerinnsel im Kopf als Begleiterscheinung. Laut Ehemann Bill dauerte es sechs Monate, bis sich Hillary Clinton vom letzten Vorfall vollständig erholte. Dass die Kandidatin kurz vor der Ziellinie aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch wirft, gilt unter Beobachtern als ausgeschlossen.