«Überall zerrissene Körper»

Mit dem Attentat auf dem Flughafen Domodedowo ist der Terror in Russland wieder einmal mehr mitten in die Hauptstadt getragen worden. Medien kritisieren mangelnde Sicherheitsvorkehren.

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Ambulanz- und Rettungsfahrzeuge vor dem Moskauer Domodedowo-Flughafen. (Bild: epa/Sergei Chirikov)

Ambulanz- und Rettungsfahrzeuge vor dem Moskauer Domodedowo-Flughafen. (Bild: epa/Sergei Chirikov)

«Ich töte Euch alle», sollen die letzten Worte des Selbstmordattentäters gewesen sein, bevor er sich auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo in die Luft sprengte. Das berichtete der russische TV-Kanal Westi24 unter Berufung auf Augenzeugen.

Auch eine Stunde nach dem Attentat standen in der Flughafenhalle noch dicke Rauchschwaden. Überall waren schemenhaft Tote und Körperfragmente zu erkennen. Über die Zahl der Toten herrschte Unklarheit. Eine Flughafensprecherin berichtete von 35, das Ministerium für Notfälle dagegen von 31.

Augenzeugen sprachen von einem Blutbad. «Überall liegen zerrissene Körper.»

Aus dem Nordkaukasus?

Am späten Abend gaben die Ermittler bekannt, dass sie wahrscheinlich Kopf und Körperteile des Selbstmordattentäters gefunden hätten. Demnach handelt es sich um einen Mann zwischen 30 und 35 Jahren, der vom Aussehen her aus dem arabischen Raum stammen könnte.

Dennoch gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass die Hintermänner des Attentats aus dem Nordkaukasus stammen. Unverständnis rief hervor, dass der Terrorist offensichtlich unkontrolliert in das Flughafengebäude gelangte und sich in der Ankunftshalle unter Hunderte von Wartenden mischen konnte.

Die Kritik der Medien an den Sicherheitsvorkehrungen auf dem modernsten Flughafen Moskaus setzte sofort nach dem Anschlag ein. Reisende werden nicht an allen Eingängen des Flughafens untersucht.

Wer sich auskennt, kann Sicherheitsüberprüfungen leicht umgehen. Überdies berichteten Angestellte des Sicherheitsdienstes auf dem Flughafen, die Hälfte der Mitarbeiter sei in den letzten Wochen entlassen worden. Verstärkte Sicherheitsmassnahmen waren nicht angeordnet worden, obwohl der russische Geheimdienst vor einer Woche Hinweise auf einen Terroranschlag auf einem der drei internationalen Moskauer Flughäfen erhalten haben soll. Das berichtete zumindest die halbstaatliche Agentur RIA Nowosti.

Für Irritationen sorgte auch, dass der Flughafen nach dem Anschlag die Reisenden nicht über das Geschehen informierte. Weder wurden Ansagen gemacht, noch gab das Bodenpersonal Auskunft. Reisende berichteten, dass sie durch die Rauchentwicklung und die Wucht der Explosion ahnten, dass ein Terroranschlag verübt worden sein müsste. Viele erfuhren erst durch Anrufe beunruhigter Verwandter vom Attentat, die dies aus den Medien erfahren hatten. Andere informierten sich über das Internet.

Moskaus Taxifahrer nutzten gestern das Leid, um ein gutes Geschäft zu machen. Die Preise schnellten um ein Vielfaches in die Höhe.

Präsident wirkte geschockt

Während die Betroffenen im Ungewissen gelassen wurden, waren Premierminister Putin und Kremlchef Medwedew binnen kurzem informiert worden. Das lässt darauf schliessen, dass terroristische Anschläge erst dann der Öffentlichkeit mitgeteilt werden dürfen, wenn die Staatsführung die Genehmigung erteilt. Der Flugverkehr lief nach dem Attentat fahrplanmässig weiter.

Wie Augenzeugen berichteten, sollen auch die Fluggäste die Ruhe bewahrt haben. Panik sei nicht ausgebrochen.

Sicherheitskräfte und Polizei in Moskau wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Präsident Medwedew weitete die Sicherheitsvorkehrungen auf ganz Russland aus. Als der Kremlchef im Fernsehen den Hinterbliebenen der Opfer kondolierte, war ihm der Schock noch anzusehen.

Immer wieder Anschläge

Domodedowo war schon 2004 das Ziel von Terroristen. Nach dem Tschetschenien-Krieg gelang es «schwarzen Witwen» auch damals, die Sicherheitsvorkehrungen des Flughafens zu umgehen. Der letzte schwere Terrorakt wurde im März letzten Jahres in Moskau verübt. Zwei Selbstmordattentäterinnen aus dem islamistischen Untergrund der nordkaukasischen Republik Dagestan sprengten sich in der Metro in die Luft und rissen 40 Menschen in den Tod. Wenige Tage danach ging die Hauptstadt wieder zum Alltag über.

Anschläge nordkaukasischer Islamisten gibt es in Moskau seit Jahren. Die Bürger reagieren erstaunlich gleichmütig darauf. Wohl weil sie wissen, dass der Kreml keine Rezepte hat, den Ursachen des Terrorismus aus dem Kaukasus zu begegnen.

Im Unterschied zu den Sicherheitsstrukturen in den USA und in europäischen Ländern scheinen Moskaus Geheimdienstler dem Terror machtlos gegenüberzustehen. Die Prophylaxe versagt regelmässig. Tatsächlich ist der Terror in Russland zu Hause.

Fast täglich fordert er in den nordkaukasischen Republiken hohen Blutzoll. Darauf reagiert die Regierung aber unaufgeregt. Der Nordkaukasus gilt inzwischen als Russlands inneres Ausland. Die imperiale Staatsräson verpflichtet den Kreml, an der Region nominal festzuhalten. Sie birgt ein höheres Gewalt- und Gefahrenpotenzial als die an Afghanistan grenzenden zentralasiatischen Republiken, die von islamistischen Kräften infiltriert werden. Der Nordkaukasus ist aber nicht Zentralasien, sondern Europas südöstliche Peripherie.

Kreml verschliesst die Augen

Moskaus Vernachlässigung der Region hat den terroristischen Kräften dort erst Auftrieb verliehen. An der Oberfläche gelang es, das separatistische Tschetschenien zu befrieden. Im Gegenzug entwickelten sich aber die umliegenden Republiken zur Nachschubbasis islamistischer Guerilleros. Vor Nepotismus und Korruption der regionalen Eliten verschloss der Kreml die Augen, auch die Perspektivlosigkeit der Jugend im Süden interessierte die Zentralgewalt nicht.

Der Unmut kommt sporadisch in Form von Selbstmordattentätern in die Hauptstadt, wie gestern vielleicht.

Klaus-Helge Donath, Moskau

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