Über Ägypten nach Europa

Nach der Schliessung der Balkanroute weichen syrische und irakische Kriegsflüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien aus: Gestern sind über 800 von ihnen in Sizilien angekommen.

Dominik Straub
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Die italienische Küstenwache bekommt die Folgen der Sperrung der Fluchtroute über den Balkan zu spüren. (Bild: ap/Italian Navy)

Die italienische Küstenwache bekommt die Folgen der Sperrung der Fluchtroute über den Balkan zu spüren. (Bild: ap/Italian Navy)

ROM. Es ist genau das Szenario, das Migrationsexperten prognostiziert und die italienischen Behörden befürchtet haben: Die Schliessung der Balkanroute und das Abkommen zwischen der EU und der Türkei werden die Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Irak auf ihrem Weg nach Europa nicht dauerhaft aufhalten – die Flüchtlinge werden einfach eine andere Route wählen.

Diese führt über Jordanien und den Sinai nach Ägypten – und von dort aus mit Booten über das zentrale Mittelmeer nach Sizilien.

Weite und gefährliche Route

Die weite und gefährliche Route ist nun erstmals in grossem Stil – nämlich von über 800 Flüchtlingen aus Syrien und Irak – erfolgreich gewählt worden. Sie sind von der italienischen Küstenwache im Kanal von Sizilien aus zwei grossen Booten gerettet und gestern Freitag an Land gebracht worden.

«Wir haben lange keine Syrer mehr gesehen, und schon gar nicht in so grosser Zahl mit Familien und Kindern», erklärte die Sprecherin des italienischen UNHCR, Carlotta Sami. Tatsächlich hatte es sich bei den 31 000 Flüchtlingen, die in diesem Jahr bisher nach Italien gelangt sind, fast ausschliesslich um Afrikaner gehandelt – und zu über 90 Prozent sind sie von Libyen aus nach Europa aufgebrochen. Von Ägypten aus sind im ganzen Jahr bisher nur fünf Boote aufgebrochen.

Rom ist alarmiert

Entsprechend alarmiert sind die italienischen Behörden: «Die Nachricht von den 800 Flüchtlingen ist beunruhigend; es könnte sich um den Anfang einer neuen Flüchtlingswelle handeln, die im Laufe des Sommers noch anschwellen könnte», zitierte die Zeitung «La Repubblica» eine Quelle im Innenministerium.

Das Potenzial für einen neuen Flüchtlingsansturm ist da: In der Türkei sind derzeit 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge blockiert; mindestens eine weitere Million lebt in Flüchtlingslagern in Libanon. Auch wenn nur ein kleiner Teil dieser Menschen die finanziellen Möglichkeiten besitzt, über Ägypten nach Italien zu gelangen, würde dies ausreichen, die ohnehin schon angespannten Aufnahmekapazitäten Italiens zu sprengen.

Bereits heute werden in den Asylzentren und Auffanglagern 115 000 Migranten betreut, und täglich kommen neue dazu.

Wien und Bern reagieren

Um das «Durchwinken» der Flüchtlinge durch die italienischen Behörden nach Norden zu vereiteln, haben Österreich und die Schweiz begonnen, Vorkehrungen für rigorose Grenzkontrollen zu treffen. Italien befürchtet deshalb, in diesem Jahr zur Endstation für Hunderttausende Flüchtlinge zu werden.

Gespanntes Verhältnis zu Kairo

Die italienische Regierung treibt auch noch eine andere Sorge um: Dass bisher kaum Flüchtlingsboote von Ägypten in Richtung Italien losgefahren sind, lag zu einem wesentlichen Teil an einem bilateralen Abkommen zwischen Rom und Kairo zur Zusammenarbeit in der Flüchtlingsfrage.

Dieses verpflichtet Ägypten zur Kontrolle seiner Küste und zur Rückübernahme zumindest eines Teils der Flüchtlinge. Wegen dem Tod des italienischen Doktoranden Giulio Regeni, der im Januar vermutlich von ägyptischen Sicherheitsdiensten in Kairo verschleppt und auf bestialische Weise zu Tode gefoltert worden ist, sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Rom und Kairo aber inzwischen eisig geworden.

Eine Warnung Al Sisis?

Italienische Medien spekulierten gestern, dass es sich bei den beiden Schiffen mit den 800 Flüchtlingen um eine Warnung des ägyptischen Staatschefs Abdel Fattah al-Sisi handeln könnte: Kairo könnte, sofern Rom wegen des «Falls Regeni» nicht endlich Ruhe gibt, auch aufhören, seine Küsten zu kontrollieren.