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Dammbruch: In Brasilien werden Hunderte Tote befürchtet

Hunderte Tote, eine zerstörte Region: Wenige Tage nach der Minen-Katastrophe in Brasilien wird das verheerende Ausmass immer deutlicher. Und es ist klar: Sie hätte verhindert werden können.
Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro
Mithilfe von Helikoptern bergen die Rettungskräfte Opfer aus der Schlammlawine. Bild: Antonio Lacerda/EPA (Brumadinho, 28. Januar 2019)

Mithilfe von Helikoptern bergen die Rettungskräfte Opfer aus der Schlammlawine. Bild: Antonio Lacerda/EPA (Brumadinho, 28. Januar 2019)

Es sind grauenhafte Berichte, die die Brasilianer nun über die vielen Sondersendungen aus dem Unglücksort erfahren. Da entdecken etwa Feuerwehrleute einen Bus tief unter dem Schlamm begraben, die Menschen darin: alle tot. Wenige Kilometer entfernt, so berichten Anwohner, habe ein Restaurant gestanden, das zur Mittagszeit gut besucht gewesen sein soll. Nichts von dem Gebäude ist mehr zu sehen, es ist einfach von der Schlacke verschluckt worden. An anderen Stellen wiederum finden Helfer Leichenteile, die von der Schlammlawine abgerissen und verteilt wurden.

Wenige Tage nach dem Bruch mehrerer Staubecken für Bergbaurückstände in dem Ort Brumadinho gibt es so gut wie keine Hoffnungen mehr, noch Überlebende der Katastrophe zu finden. Bislang haben Suchteams 60 Leichen geborgen, aber 292 Menschen werden laut offiziellen Stellen noch vermisst. Es ist, so viel ist jetzt schon klar, eins der schlimmsten Unglücke in der Geschichte Brasiliens.

Schlamm türmt sich 15 Meter hoch auf

Vergangenen Freitag war in Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais ein Rückhaltebecken mit Schlacke aus einer Eisenerzmine geborsten. Die gewaltige Lawine, die sich in sekundenschnelle ihren Weg bahnte, brachte weitere Becken zum Kollaps und zerstörte als erstes die Verwaltungsgebäude der Betreiberfirma Vale. Sie riss die Betonpfeiler einer Eisenbahntrasse fort, begrub Wohnhäuser unter sich und ergoss sich in den Fluss Paraopeba. Seine Ufer sind weggerissen worden, die Uferwälder zerstört. An einigen Stellen türmt sich der Schlamm nun 15 Meter auf.

Nichts hatte die Menschen vor der Schlackewalze gewarnt. Die Sirenen, die für solche Fälle vorgesehen sind, blieben stumm. Sie heulten dafür am Sonntag im Morgengrauen, weil ein weiterer Damm, der beschädigt worden war, zu brechen drohte. Er enthielt vier Millionen Kubikmeter Wasser. 3000 Menschen in Brumadinho mussten ihre Häuser verlassen, konnten aber einige Stunden später zurückkehren, das Wasser war abgepumpt worden. Viele Menschen, die die Schlammlawine überlebten, sind nun obdachlos und haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die Justiz blockierte umgehend 11 Milliarden Reais (2,5 Milliarden Euro) auf den Konten Vales. Sie sollen der Soforthilfe in Brumadinho dienen. Israel entsandte auf Bitten Brasilias ein Team aus 136 Militärs, das bei der Bergung der Opfer helfen soll. Die Geste steht auch für die Annäherung zwischen Brasiliens neuem rechten Präsidenten Jair Bolsonaro und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu.

Geschockt und wütend

Die Brasilianer sind von der Katastrophe geschockt – und sie sind wütend. Denn es ist das zweite Unglück dieser Art binnen dreier Jahre. Ende 2015 hatte der Bruch eines Staubeckens in dem Ort Mariana (ebenfalls im Bundesstaat Minas Gerais) eine Umweltkatastrophe ausgelöst, die vom Umweltministerium als die bis dato grösste Brasiliens klassifiziert wurde. Auch damals war der Konzern Vale über die Betreiberfirma Samarco massgeblich involviert; und auch damals handelte es sich um eine Mine für Eisenerz, einem der wichtigs- ten Exportprodukte Brasiliens. 19 Menschen kamen in Mariana ums Leben und der Fluss Rio Doce wurde verseucht. Tonnen von Fischen verendeten, die Trinkwasserversorgung von Millionen Menschen war gefährdet.

Dennoch ist bis heute kein einziger Verantwortlicher für das Umweltverbrechen verurteilt worden. Vale bietet enorme juristische Mittel auf und die Justiz lässt sich auffällig viel Zeit. In Mariana brach das Staubecken wegen Überfüllung und falscher Wartung. Verantwortlich waren die kriminelle Nachlässigkeit des Konzerns und fehlende staat­liche Kontrolle. Doch offenbar wurde nicht daraus gelernt. Der Chef des Anwaltsteams, das die Katastrophe von Mariana untersuchte, sagte nun: «Es war logisch, dass wieder ein Desaster passieren würde.»

Tatsächlich gleichen sich die Fälle. In Brumadinho warnten Umweltschützer schon 2011 vor dem Bruch eines Rückhaltebeckens, wenn es noch mehr Schlamm aufnehmen müsste. Nichtsdestotrotz wurde Anfang Dezember 2018 die Ausweitung der Mine von Brumadinho genehmigt. In den entsprechenden Sitzungen kam es offenbar zu heftige Streits. Demnach habe Vale auf einer Erweiterung bestanden, obwohl der Vertreter der Umweltbehörde Ibama dagegen war. Er warnte vor dem hohen Risiko eines Dammbruchs.

Bolsonaro will Minenindustrie fördern

Umstritten ist ausserdem das Vorhaben von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Vor der Katastrophe hatte er angekündigt, Umweltauflagen zu senken und die Umweltbehörde Ibama zu entmachten. Sie bremse seiner Meinung nach den wirtschaftlichen Fortschritt. Im Wahlkampf hatte Bolsonaro versprochen, Brasiliens Minenindustrie zu fördern. Die Konzerne würden unter ihm einfacher an Abbaulizenzen kommen, etwa in der sensiblen Amazonasregion. Bei Vale, dem grössten Bergbauunternehmen Brasiliens, wurde das begrüsst. Es riet seinen Angestellten, für Bolsonaro zu stimmen.

Nun bittet Vale-Präsident Fábio Schvartsman die Brasilianer für die Katastrophe von Brumadinho um Entschuldigung. Als er vor zwei Jahren sein Amt antrat, hatte er das Motto ausgegeben: «Nie wieder Mariana!» Jetzt hat ihn die Realität brutal eingeholt.

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