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Überleben – dank einer App

Das Frühwarnsystem «Sentry» gibt Zivilisten wertvolle Zeit zur Flucht vor Luftangriffen. In Idlib steht dem System nun möglicherweise seine schwerste Bewährungsprobe bevor.
Thomas Seibert, Istanbul
In Idlib ist es bereits im letzten Jahr zu einem Showdown zwischen Regierungstruppen und der Opposition gekommen. Im Bild versammeln sich Weisshelme und Zivilisten nach einem Luftangriff auf einem Markt. Bild: Syrische Weisshelme via AP (Idlib, 8. Oktober 2017)

In Idlib ist es bereits im letzten Jahr zu einem Showdown zwischen Regierungstruppen und der Opposition gekommen. Im Bild versammeln sich Weisshelme und Zivilisten nach einem Luftangriff auf einem Markt.
Bild: Syrische Weisshelme via AP (Idlib, 8. Oktober 2017)

Wenn die Nachricht auf dem Computer oder dem Handy erscheint, bleiben nur wenige Minuten: Ein Onlinesystem warnt Zivilisten in Syrien vor bevorstehenden Luftangriffen. Inmitten des Gemetzels des syrischen Bürgerkrieges mit seinen bisher 500000 Toten ist die Erfindung eine der wenigen Lichtblicke. Beim erwarteten Grossangriff der syrischen Regierung auf die Provinz Idlib im Nordwesten des Landes könnte das System namens «Sentry» – Wachposten – in den kommenden Wochen helfen, viele Menschenleben zu retten.

Der amerikanische Ex-Diplomat und Technologiefachmann John Jaeger, US-Unternehmer Dave Levin und ein syrischer Computerexperte mit dem Codenamen «Murad», der seinen wirklichen Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt wissen will, sind die treibenden Kräfte hinter dem Warnsystem. Ihre Firma Hala Systems betreibt «Sentry» und schätzt, dass der «Wachposten», der für die Nutzer kostenlos ist, die Zahl der Todesopfer bei einem Angriff derzeit um 20 Prozent senken kann.

Netzwerk aus Beobachtern und Sensoren

Sobald «Sentry» die Daten über einen bevorstehenden Angriff erfasst hat, erhalten Abonnenten des Systems eine Meldung auf ihrem Mobiltelefon oder ihrem Computer. Etwa acht Minuten haben die Betroffenen Zeit, sich in einem Keller oder einem Bunker in Sicherheit zu bringen.

Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtete John Jaeger jetzt von einem der Fälle, in denen «Sentry» erfolgreich war. «Ein Mann meldete sich bei uns und sagte, er habe sich und seine Familie gerettet, während sein Nachbar umkam.»

Jaeger und seine Partner haben in Syrien ein Netzwerk aus Beobachtern und automatischen Sensoren aufgebaut, die Erkenntnisse über anstehende Luftangriffe sammeln. Zu den Meldern gehö­ren Syrer, die in der Nähe von Militärstützpunkten wohnen und sehen können, wenn Kampfjets aufsteigen. Über eine spezielle App informieren sie Hala Systems darüber, wie viele Flugzeuge unterwegs sind und in welche Richtung sie fliegen, während die Sensoren auf Hausdächern und in Baumkronen aufgrund der Fluggeräusche der Jets weitere Hinweise auf die potenziellen Zielgebiete melden.

Hala führt die Informationen zusammen, gleicht sie mit Erfahrungswerten ab und verarbeitet sie zu einer konkreten Warnung an Zivilisten, Katastrophenhelfer und Ärzte im Angriffsgebiet. Facebook Messenger, Whatsapp und andere Mitteilungsdienste dienen dabei als Kanäle. Seit neues­tem kann Hala Systems zudem in einigen Gebieten per Fernsteuerung viele Feuerwehrsirenen aktivieren und auf diese Weise alle Menschen in einem Stadtviertel oder einem Dorf warnen.

In Syrien arbeitet Hala Systems mit den «Weisshelmen» – dem syrischen Zivilschutz – zusammen, die sich mit der Rettung von Opfern von Luftangriffen aus zerstörten Gebäuden einen Namen gemacht haben. Aussagen eines desertierten syrischen Kampfpiloten über Flugrouten, Geschwindigkeiten und Flughöhen halfen Hala ebenfalls, die Vorhersagen exakter zu machen. Inzwischen liegen oft nur 30 Sekunden zwischen der von «Sentry» gemeldeten Angriffszeit und der tatsächlichen Ankunft der Jets, wie das Magazin «Wired» berichtet.

Laut Firmenangaben hat «Sentry» seit seiner Einführung vor zwei Jahren mehr als 100000 Flugbewegungen erfasst und fast 7000 Luftangriffe an mehr als zwei Millionen Nutzer gemeldet. Jaeger vergleicht sein modernes System mit den Bauern im Süden Englands, die im Zweiten Weltkrieg die Bewohner der Hauptstadt London vor anfliegenden Bombern der deutschen Luftwaffe warnten.

Hoffen auf «Sentry» bei Attacke auf Idlib

Geld verdient Hala mit dem Gratissystem nicht. Die Firma wird bei «Sentry» von der UNO und mehreren westlichen Regierungen unterstützt und hofft, dass sich nach dem Syrien-Krieg kommerziell nutzbare Anwendungen finden werden. Vorerst steht die Hilfe für die Menschen im Mittelpunkt. Während einer Regierungsoffensive in Ost-Ghouta bei Damaskus im Frühjahr rettete «Sentry» mehreren hundert Zivilisten das Leben. Die Warnungen seien damals «der einzige Hoffnungsschimmer» gewesen, sagte ein Betroffener der «Washington Post».

In Idlib steht dem System nun möglicherweise seine schwerste Bewährungsprobe bevor. Knapp drei Millionen Menschen drängen sich in der von Rebellen beherrschten Provinz, die zu einem Refugium für Zivilisten und regierungsfeindliche Milizionäre aus anderen Teilen des Landes geworden ist. Präsident Baschar al-Assad hat die Rückeroberung von Idlib angekündigt; erste Luftangriffe und Artilleriebeschuss auf einige Gebiete machen deutlich, dass er es ernst meint. Die UNO befürchtet eine humanitäre Katastrophe und viele zivile Opfer, auch weil die benachbarte Türkei ihre Grenze geschlossen hat. Die Hauptwucht der Offensive wird Anfang September erwartet.

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