Tyrannei oder Demokratie in Sri Lanka

Seit zehn Jahren wird Sri Lanka von Mahinda Rajapakse regiert. Morgen entscheiden die Sri Lanker bei den Präsidentschaftswahlen, ob der Inselstaat im Indischen Ozean endgültig in die Hände der selbstherrlichen Familiendynastie fällt.

Willi Germund
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COLOMBO. Es war ein Satz, der kurz vor der Wahl nur einem von Panik getriebenen Politiker entfahren kann. «Ich bin der Teufel, den ihr kennt», erklärte Mahinda Rajapakse, der seit zehn Jahren als Präsident im früher als «Perle des Indischen Ozeans» bekannten Sri Lanka amtiert, an einer Wahlkampfveranstaltung in Jaffna. «Es ist besser, mich statt eines unbekannten Engels zu wählen.» Die peinlichen Worte fielen just in der von Tamilen dominierten Region, deren Bewohner den 69jährigen Staatschef als Verantwortlichen des Blutbads in Erinnerung haben, mit dem die Armee 2009 die Separatistenbewegung LTTE nach 26jährigem Bürgerkrieg liquidierte.

Ausserdem musste Rajapakse seine Sätze aus seinem Singhalesisch für die Tamilen übersetzen lassen. Zehn Jahre nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten kann der Mann mit dem buschigen Schnauzbart sich nicht nur bei seinen tamilischen Landsleuten nicht verständlich machen. Er versteht auch selbst die Welt nicht mehr. Schliesslich hatte Rajapakses Lieblingswahrsager ihm einen unangefochtenen Sieg bei seinem Versuch vorhergesagt, morgen zum drittenmal Staatschef zu werden und samt seinen drei Brüdern und Sohn Namal Rajapakse den Inselstaat weiter mit selbstherrlicher Gutsherrenart zu regieren.

Angst vor ehemaligem Minister

Stattdessen fürchtet der Mann, der sich gerne als Wiedergeburt eines singhalesischen Königs verherrlichen lässt, einen «Judas», der ihm noch bis vor einigen Wochen als Gesundheitsminister scheinbar treu gedient hatte. Der 63jährige Maihtripala Sirisena, stellvertretender Vorsitzender von Rajapakses Partei SLFP, vereint inzwischen ein solches Sammelsurium von Parteien hinter sich, dass Rajapakse allenfalls auf einen knappen Wahlsieg hoffen kann.

«Er braucht mindestens 70 Prozent der singhalesisch-buddhistischen Stimmen, um die 50-Prozent-Marke zu schaffen», sagt der Journalist Marwaan Macan-Markar. 2010 holte Rajapakse 57 Prozent der Stimmen. Aber diesmal stellt sich nicht nur die grösste Tamilenpartei Tamil National Alliance gegen den Staatschef. Auch Rauf Hakeem verabschiedete sich mit seiner Partei Sri Lanka Muslim Congress aus Rajapakses Allianz: «Wir sind mitschuldig, weil wir die Verfassungsänderung von 2010 mitgetragen haben. Jetzt wollen wir das ändern.»

Regenbogenallianz

Rajapakse hatte sich nach dem damaligen Wahlsieg per Verfassungsänderung weitreichenden Einfluss auf die Justiz und die Sicherheitsbehörden genehmigen lassen. Und er hob das Verbot einer dritten Amtsperiode als Präsident auf. Selbst einer der einflussreichsten buddhistischen Mönche Sri Lankas hatte sich deshalb schon Anfang 2014 gegen den Rajapakse-Clan gestellt. «Wenn niemand anders antritt, werde ich selbst kandidieren», verkündete Sobitha Thero damals, «denn diese Familie darf nicht die ganze Macht auf sich vereinen.» Der Appell mobilisierte Sri Lankas alte politische Garde samt der früheren Präsidentin Chandrika Kumaratunga in eine allumfassende Regenbogenallianz gegen den Clan des gegenwärtigen Staatschefs.

Rajapakse warnt EU und USA

Seither reichen weder Verweise auf das durchschnittlich sechsprozentige Wirtschaftswachstum unter Rajapakse noch die Erinnerung an den Sieg über die LTTE aus, um seinen Wahlsieg zu sichern. «Es gibt immer mehr Gewalt gegen die Opposition», mahnt Keerthi Tennakoon von der «Campaign for Free and Fair Elections». Rajapakse warnt wiederum die Botschafter der EU und der USA vor Einmischung. Auf die Frage, wie es nach der morgigen Wahl weitergehen könnte, verweisen Beobachter auf das Jahr 2010. Damals liess Rajapakse nach dem Urnengang kurzerhand seinen Widersacher General Sarath Fonseca festsetzen.