Fall Skripal: TV-Interview sorgt für Spott

Der TV-Auftritt der Verdächtigen im Fall Skripal war ein Reinfall. Der Kreml dementiert trotz gegenteiliger Hinweise weiter eine Verbindung der zwei Verdächtigen zu staatlichen Stellen.

Stefan Scholl, Moskau
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Die beiden Hauptverdächtigen im Fall Skripal, Ruslan Boschirow (links) und Alexander Petrow, bei ihrem TV-Interview mit dem Staatssender Russia Today am Donnerstag. (Bild: Screenshot)

Die beiden Hauptverdächtigen im Fall Skripal, Ruslan Boschirow (links) und Alexander Petrow, bei ihrem TV-Interview mit dem Staatssender Russia Today am Donnerstag. (Bild: Screenshot)

Am 3. März sei der Schneefall zu heftig gewesen, um überhaupt irgendwohin zu kommen, beklagt sich Petrow. Die Eisenbahn habe nicht gearbeitet, auch die Strassen seien gesperrt worden, schimpft Boschirow. «Es gab keinen Verkehr mehr.» Trotzdem fuhren die zwei an diesem Tag mit der S-Bahn bis Salisbury, um sich die Kathedrale dort anzuschauen. «Aber die Stadt war ein einziger Brei», ärgert sich Petrow. «Wir holten uns nasse Füsse, kehrten zum Bahnhof zurück, verbrachten dort 40 Minuten im Café und fuhren wieder nach London.» Die S-Bahn-Reise der so wenig schneefesten Russen durch den englischen Verkehrskollaps ist einer der vielen Widersprüche, in die sich die Männer mit den Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow verwickelt haben.

Die Hauptverdächtigen im Fall Skripal waren vergangenen Donnerstag im Staatssender Russia Today (RT) aufgetreten, um zu widerlegen, dass sie als Agenten des Militärgeheimdienstes GRU am Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter beteiligt waren. Aber jetzt lacht ganz Russland über den verbalen Slapstick, der dabei herauskam. Der Eifer seiner Agenten entwickle sich für Russland und sein Image auf unangenehme Weise. Jetzt fordert auch die Schweiz Russland offiziell auf, seine Spionagetätigkeit dort einzustellen (siehe Link).

Akten der Reisepässe veröffentlicht

Laut den britischen Ermittlern erkundeten Boschirow und Petrow am 3. März in Salisbury die Nachbarschaft ihres Opfers Skripal, kehrten am 4. März zurück, um das Nervengift Nowitschok auf die Türklinge seines Hauses zu sprühen. Gegenüber RT versicherten beide, der Schneematsch habe sie daran gehindert, die gotische Kathedrale von Salisbury zu besuchen, die sei ja 123 Meter hoch, und dort ticke die älteste Uhr der Welt. Deshalb seien sie am 4. März noch einmal hingefahren. «Sie sind also nach Salisbury gefahren, um sich eine Uhr anzusehen?», selbst Margarita Simonjan, die Chefredakteurin des sehr oft propagandistischen RT, konnte sich das Grinsen kaum verkneifen.

Boschirow und Petrow, die sich als «Mittelklasseunternehmer» in Sachen Sportnahrung und Fitnessconsulting vorstellten, sagten, man sei eigentlich nur nach London gekommen, um «einen draufzumachen», für einen Tag. «Einen draufmachen heisst also auf Russisch, sich einen 123-Meter-Kirchturm anzuschauen», spottet der Blogger Andrei Schari. Und das Portal Fontanka verweist darauf, dass das Paar erst für den 4. März Rückflüge buchte, dafür aber gleich einen Abend- und einen Nachtflug. Die britische Recherche-Gruppe Bellingcat sowie die russischen Portale The Insider und Projekt veröffentlichten Kopien der russischen Akten für die 2009 und 2010 ausgestellten Reisepässe Boschirows und Petrows – abgestempelt mit dem Vermerk «keine Angaben gestattet». Die Journalisten gehen davon aus, dass der Geheimdienst die Pässe bestellte.

Sogar die linientreue Zeitung «Moskowski Komsomoljez» verspottet die mutmasslichen Agenten, die nach eigenen Angaben aus Sparsamkeit in Doppelzimmern abstiegen. Und zitiert einen anonymen GRU-Veteranen, der ihre Behauptungen gegenüber RT als «Quatsch, dazu noch schlecht ausgedacht» bezeichnet. Das russische Internet aber diskutiert die britische Presseversion, der Kreml habe die beiden GRU-Agenten auf Betreiben des Inlandsgeheimdiensts FSB zum TV-Auftritt gezwungen, als Strafe für ihr Versagen und die Dreistigkeit ihrer Vorgesetzten.

RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan interviewt die beiden angeblichen Attentäter Alexander Petrow und Ruslan Boschirow