TV-DUELL: Le Pen zeigt ihr wahres Gesicht

In einer regelrechten Redeschlacht im französischen Fernsehen hat Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen ihre bisherige Mässigung abgelegt. Ihr Rivale Emmanuel Macron gewann das Duell dennoch nach Punkten.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Ruhe vor der gehässigen Debatte: Bei Marine Le Pen (links) wird das Mikrofon gerichtet, Emmanuel Macron (rechts) das Gesicht gepudert. (Bild: Eric Feferberg/Keystone (Paris, 3. Mai 2017))

Ruhe vor der gehässigen Debatte: Bei Marine Le Pen (links) wird das Mikrofon gerichtet, Emmanuel Macron (rechts) das Gesicht gepudert. (Bild: Eric Feferberg/Keystone (Paris, 3. Mai 2017))

Stefan Brändle, Paris

Es war einmal eine freundlich lächelnde Kandidatin, die gab sich betont staatstragend und liess im Land Pla­kate mit ihrem Konterfei und der Aufschrift «La France apaisée» aufhängen – «das befriedete Frankreich». Am Mittwochabend endete dieses Märchen brutal. Das TV-Streitgespräch der beiden Präsidentschaftsfinalisten, ein alle fünf Jahre geübtes Ritual der französischen Politik, hatte kaum begonnen, als Ma­rine Le Pen in den Angriff ging. Ihren Gegenüber nannte sie einen «kalten, zynischen Banker» und «Erben Hollandes», also des so unpopulären Staatschefs. Und das war nur der Anfang. ­Macron kusche vor der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, giftete die Präsidentin des Front National; er verschliesse gegenüber den Islamisten die Augen und unterhalte ein Offshore-Bank­konto; persönlich sei er «lügnerisch», «heuchlerisch» und «arrogant».

Es stach geradezu ins Auge, dass Le Pen den in den Umfragen führenden Rivalen aus der Reserve locken wollte. Sie schaffte es halbwegs: Der wahlpolitisch unerfahrene Politnovize gab hart zurück, bezeichnete Le Pen als «Erbin der Rechtsextremen» und bald auch als «Lügnerin», «Bastlerin», ja «Parasitin» jenes Systems, das sie angreife. Le Pen profitiere vom Elend der armen Wähler, sie wolle einen «Bürgerkrieg nach Frankreich holen» und gebe «Dummheiten» von sich, fügte er an.

Die Regionalzeitung «La Charente Libre» nannte das zweistündige, äusserst gehässige Duell einen «Faustkampf», und der Kommentator Christophe Barbier meinte: «Dieses Streitgespräch war nicht auf der Höhe einer Präsidialdebatte.» François Mitterrand, Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy hätten sich zwar in ihren TV-Duellen auch nichts geschenkt; nie aber sei es so gewalttätig zu- und hergegangen wie bei Le Pen vs. Macron. Im Nachhinein wird auch verständlich, warum sich Chirac 2002 einem TV-Duell mit Marines Vater Jean-Marie Le Pen verweigert hatte.

Auf der Strecke blieben am Mittwochabend die Argumente, Fakten und Sachthemen. Pariser Medien zählten in der Debatte 19 verdrehte Tatsachen, wenn nicht Lügen. Die meisten gingen dabei auf das Konto Le Pens, so etwa, wenn sie den früheren Wirtschaftsminister für Entscheide vor seinem Mandatsbeginn verantwortlich machte oder wenn sie den Ecu als frühere EU-Einheitswährung wie den Euro hinstellte.

Macron reicht Strafanzeige ein

Auch unterstellte Le Pen ihrem Gegenspieler indirekt, er hinterziehe Steuern. «Ich hoffe, dass man nicht herausfinden wird, dass Sie ein Offshore-Konto auf den Bahamas haben», sagte sie. Macron warf ihr umgehend Verleumdung vor. Dabei liess er es aber nicht bewenden. Gestern hat Macron wegen dieser Aussage eine Strafanzeige gestellt. Die Anzeige lautet unter anderem auf «Fälschung» und «Verbreitung einer Falschnachricht». Die Staatsanwaltschaft leitete umgehend Vorermittlungen ein. Wie Macrons Bewegung En Marche! betonte, richte sich die Klage aber nicht gegen Le Pen, sondern gegen Unbekannt.

Nach Angaben aus Macrons Umfeld war diese Behauptung zunächst von einem anonymen Nutzer im Onlineforum «4chan» gepostet worden und machte dann in den sozialen Netzwerken die Runde. Verbreitet wurden die Angaben unter anderen von Anhängern von US-Präsident Donald Trump und von Nutzerkonten mit Verbindungen zu den russischen Medien «Sputnik» und «Russia Today». Demnach zirkulieren Dokumente mit einer gefälschten Unterschrift Macrons. Der sozialliberale Reformpolitiker warf Le Pen gestern vor, «Lügen» und «Fake News» zu verbreiten, die von Internetseiten mit teilweise «russischen Interessen» stammten. Die französische Regierung hatte immer wieder vor einer russischen Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewarnt. Le Pen gilt als ausgesprochen russlandfreundlich. Im März empfing der russische Präsident Wladimir Putin die Front-National-Kandidatin in Moskau.

Doch auch Macron nahm es mit der Wahrheit nicht immer genau. Aber er wirkte trotzdem bedeutend seriöser und besser informiert. Das zahlte sich aus: In einer Umfrage bezeichneten ihn 63 Prozent der befragten Franzosen als Sieger des TV-Duells; nur 34 Prozent sprachen den Sieg Le Pen zu.

Das ist für Macron das Wesentliche. Vor dem zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag bleibt er mit einem Stimmenverhältnis von rund 59:41 Prozent vor Le Pen (siehe Grafik). Dennoch geht er auch nicht als strahlender Sieger aus dem so unpräsidialen Schlagabtausch hervor. Sichtlich bemüht, sich nicht unterkriegen zu lassen, erwies er sich als wenig souverän, auf jeden Fall als unfähig, den Sturmangriff der Gegnerin in Ruhe zu parieren. Dabei hatte schon der Präzedenzfall von 2007 gezeigt, dass selbst eine gewiefte Angreiferin wie Ségolène Royal am Schluss als Verliererin dasteht, wenn sich ihr Gegenüber – damals Sarkozy – in perfekter Selbstkontrolle zurücknimmt und sich eine präsidiale Aura gibt. Oder wenn er einen magistralen Konter fährt. Das gelang 1988 dem damaligen Staatschef François Mitterrand im TV-Duell mit Jacques Chirac. Dieser versuchte Mitterrand aus der Reserve zu locken, indem er erklärte: «Heute Abend bin ich nicht der Premierminister, Sie sind nicht der Präsident – wir sind zwei Kandidaten auf Augenhöhe.» Mitterrand antwortete trocken: «Sie haben völlig recht, Herr Premierminister.» Von diesem Konter erholte sich Chirac nicht mehr, Mitterrand blieb Präsident.

Le Pen hält es mit der Strategie Trumps

Le Pen verfolgte offensichtlich die Strategie von Donald Trump, den Gegner per Dauerbeschuss zu destabilisieren. Damit wollte sie den Zorn französischer Wähler auf ihre Mühlen leiten. Doch Frankreich ist nicht die USA: In den Pariser TV-Duellen werden die Kandidaten vor allem darauf getestet, ob sie «präsidiabel» sind, also für die hohe Funktion des Staatschefs geeignet. Gefragt sind nicht billige Maulhelden, sondern schlagfertige Rhetoriker; sie sollen gewiss ein bühnenreifes Spektakel bieten, aber nicht mit Boxhandschuhen, eher mit scharfer Zunge und intelligenten Voten antreten, die zugleich Auskunft über ihr Programm bieten.

Macrons und Le Pens Schlagabtausch wirkte in keinerlei Weise erhellend, auch nicht in zentralen Fragen wie dem EU-Kurs. Klar wurde nur, wie tief der Graben zwischen den sozialliberalen Proeuropäern und den globalisierungskritischen EU-Gegnern geworden ist – und wie die politische Kultur dazwischen aufgerieben wird. Viele Franzosen verfolgen die Entwicklung konsterniert. Mit 16 Millionen TV-Zuschauern verzeichneten Le Pen und Macron die tiefste Einschaltquote aller TV-Duelle seit 1974.