TV-DUELL: Harter Schlagabtausch zwischen Le Pen und Macron

Die französischen Präsidentschaftskandidaten Marine Le Pen und Emmanuel Macron haben sich ein giftiges Streitgespräch geliefert. Die Meinungen der Franzosen sind allerdings weitgehend gemacht.

Stefan Brändle, Paris
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Es war, als würden zwei Streithähne aufeinander losgelassen. In den Meinungsumfragen mit 41 Prozent (gegen 59 Prozent für Macron) zurückliegend, attackierte Marine Le Pen von Beginn weg. Schon in ihrer ersten Wortmeldung bezeichnete sie den früheren Wirtschaftsminister als «Erben» des sozialistischen Präsidenten Hollande und fügte an, er verkörpere die «wilde Globalisierung» und «soziale Brutalität». «Sein Lächeln verwandelt sich in ein Grinsen», griff sie Macron frontal an, ihm den «Zynismus und die Kälte eines Bankers» zu unterstellen. Macron, der aktuelle Favorit in diesem Duell, liess sich nicht einschüchtern und konterte, Le Pen sei selbst die Erbin eines rechtsextremen Vaters und einer ebensolchen Partei. In der Folge blieben sich die beiden Präsidentschaftsbewerber nichts schuldig. «Sie sollten weniger arrogant sein», meinte Le Pen, um von Macron zu hören: «Sie lügen dauernd!» Er sagte ihr auf den Kopf zu: «Sie geben viele Dummheiten von sich»; sie erwiderte, er beleidige andere und sei «zynisch und heuchlerisch».

Die beiden gesprächsleitenden Journalisten hatten Mühe, die Streithähne zu trennen und auch nur ihre eigenen Fragen zu platzieren. Die politischen Positionen gingen in dem verbalen Schlagabtausch zeitweise fast unter. Macron wirkte im ökonomischen Teil überzeugender, da er auch die Finanzierung seines Projektes ansprach; Le Pen punktete eher beim Thema Terrorismus, indem sie erklärte, sie wolle nicht wie Macron auf die Attentate reagieren, sondern sie verhindern, indem sie die Gefährder mit ausländischem Doppel- oder Frankreich-Pass des Landes verweise.

Die Unsicherheit des ersten Wahlgangs überwunden

So hart und aggressiv das TV-­Duell ausfiel, wurde ihm doch die wahlentscheidende Wirkung abgesprochen. Laut einer Online-Umfrage der Zeitung «Le Figaro» wussten schon 86 Prozent der Teilnehmer vor der Sendung, wie sie am Sonntag abstimmen wollen. Die Unsicherheit des ersten Wahlgangs – vor dem sich ein Drittel der Wähler nicht festgelegt hatte – scheint überwunden zu sein. Das heisst nicht, dass Macron auf jeden Fall gewinnen muss. Aber die Meinungen scheinen in Frankreich weitgehend gemacht.

Umso konsternierter verfolgten die Franzosen das Hickhack der beiden Streithähne. Von der Feierlichkeit früherer Debatten zwischen ehrwürdigen Kandidaten war nicht viel übrig. Macron und Le Pen hatten beide erstmals das Finale der Präsidentenwahl erreicht. Für Le Pens Partei, den Front National (FN), war es überhaupt eine Premiere; ihr Vater Jean-Marie Le Pen hatte zwar 2002 die Stichwahl erreicht, doch weigerte sich darauf sein ­Rivale Jacques Chirac, mit dem Rechtsextremisten die Klingen zu kreuzen.

TV-Auftritt wie eine normale Partei

Das von TF 1 und France 2, den beiden grössten Sendern des Landes, live übertragene und von der staatlichen Medienaufsichtsbehörde CSA streng beaufsichtigte Duell führte vor Augen, wie frontal die Positionen des Proeuropäers Macron und der Nationalistin Le Pen aufeinanderprallen. Und es zeigte sich, wie sehr sich die Zeiten in Frankreich geändert haben: Der Front National ist aus der Schmuddelecke der Republik getreten und kann seine Ideen heute wie eine normale Partei vertreten. Die zweieinhalbstündige TV-Sendung war für Le Pen schon deshalb ein Erfolg, bevor sie auch nur begonnen hatte.

Stefan Brändle, Paris