TV-Debatte ohne Höhepunkte

NASHVILLE. Die Mehrheit der Amerikaner sieht den demokratischen Kandidaten Barack Obama als klaren Sieger der zweiten Präsidentschaftsdebatte. Der Republikaner John McCain bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Thomas Spang
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Gestik, die für sich spricht: Der Demokrat Barack Obama wirkte in der zweiten Fernsehdebatte in Nashville meist sicherer als sein republikanischer Gegenspieler John McCain.

Gestik, die für sich spricht: Der Demokrat Barack Obama wirkte in der zweiten Fernsehdebatte in Nashville meist sicherer als sein republikanischer Gegenspieler John McCain.

Während der ersten Fernsehdebatte hatte der Republikaner McCain seinem demokratischen Konkurrenten Barack nicht nicht einmal in die Augen gesehen. In der Nacht auf gestern verweigerte er Obama «eine persönliche Anrede und nannte ihn nur «den da», als handle es sich bei seinem politischen Gegner um einen dahergelaufenen Strassenstrolch.

Rassistischer Unterton?

Eine delikate Formulierung, die alle US-Kommentatoren aufgriffen, weil sie vor dem Hintergrund schwieriger Rassenbeziehungen in den USA einen eindeutigen Unterton hat.

«Es war vielleicht unbeabsichtigt», schrieb der Kolumnist Chris Cillizza in der «Washington Post», «aber in einer Debatte, die ansonsten so gut wie keine Nachrichten oder zitierbare Schlagzeilen produzierte, fiel die unterschwellige Missachtung doch sehr deutlich auf.» Auch Obama zeigte einmal unkontrollierte Leidenschaft, als er in der Debatte die Zuschauer daran erinnerte, wer aus seiner Sicht die riskante Wahl sei. «McCain, der Kerl, der <Bomb, bomb, bomb Iran> sang und zur Auslöschung Nordkoreas aufgerufen hat.» Ansonsten bewegte sich der demokratische Kandidat eher wie ein eleganter Tänzer über das Parkett, sorgfältig darum bemüht, den verbalen Schlägen McCains auszuweichen.

Den amerikanischen Beobachtern fiel auch auf, dass McCain nach der Debatte Obamas ausgestreckte Hand an Ehefrau Cindy umleitete. Der Republikaner hatte es eilig, die Belmont Universität zu verlassen, während der Demokrat ganz im Stile Bill Clintons die 80 unentschiedenen Wähler bearbeitete, die einen Teil der Fragen zu der Debatte beigesteuert hatten.

Erwartungen enttäuscht

«Langweilig» betitelte der im konservativen Lager einflussreiche «Drudge Report» die Debatte. Wie andere Anhänger des konservativen Senators hatte der Report darauf gehofft, McCain werde die zweite Debatte nutzen, den Abwärtstrend der vergangenen Wochen zu stoppen.

Obama führt in den nationalen Umfragen im Schnitt mit etwa sechs Prozent und liegt in fast allen «Swingstates» – den Bundesstaaten mit traditionell wechselnden Ergebnissen – vorn. Das Team McCains hatte vor der Debatte selber hohe Erwartungen geweckt, nachdem Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin öffentlich ankündigte, der Kandidat werde in Nashville «die Samthandschuhe ausziehen».

Jenseits schneidiger Töne und der «Der da»-Überheblichkeit wagte es John McCain aber nicht, die schweren Beschuldigungen zu wiederholen, die Palin in den vergangenen Tagen des Wahlkampfs aufgebrachte hatte. Etwa, dass Obama jemand sei, «der Amerika für so unvollkommen hält, dass er mit Terroristen herumhängt, die ihr eigenes Land ins Visier nehmen». Eine Anspielung auf den radikalen Vietnam-Krieg-Gegner William Ayers, der in Obamas Nachbarschaft von Chicago lebt und den Demokraten während dessen ersten Senatrennens von Illinois unterstützt hatte.

Taktische Vorsicht…

Umgekehrt verlor Barack Obama in der Debatte kein Wort über die Rolle McCains als einer von fünf US-Senatoren, die während der Spar- und Darlehenskrise der 80er-Jahre gegen grosszügige Spenden im Kongress die Geschäfte des korrupten Entwicklers Charles Keating betrieben hatte.

Anscheinend liessen es weder das Format der Debatte – eine Art moderierte Gemeindeversammlung – noch die Nachrichten des Tages – ein abermaliger Absturz der Börsen – als ratsam erscheinen, einander persönliche Vorwürfe zu machen.

…und keine Höhepunkte

So blieb die Debatte inhaltlich ohne Höhepunkte. In ihren Antworten auf die Fragen aus dem Publikum wiederholten die Kandidaten vor allem ihre weithin bekannten Positionen. Selbst der von McCain als «neue Idee» verkaufte Plan, wonach der Staat in Not geratene Hypotheken direkt von den Hausbesitzern übernimmt und diesen anschliessend bessere Konditionen anbietet, erwies sich nur als «alter Hut». Tatsächlich hatte der Kongress dies vergangene Woche schon als Teil seines 700-Milliarden-Dollar-Rettungspakets beschlossen.

McCain nur für Fox-TV vorn

Der Analyst Roger Simon erklärte nach den 90 Minuten, keiner der beiden habe in der Debatte einen K.-o.-Schlag gelandet. «Das Problem für McCain ist aber: Er hätte einen solchen Schlag gebraucht.» Deshalb sei er der Verlierer: «Weil er gewinnen hätte müssen und es nicht schaffte.»

So sah es anscheinend auch die Mehrheit der Zuschauer, welche die Debatte im Fernsehen verfolgt hatten. CNN meldete nach einer aktuellen Umfrage Obama mit 24 Punkten Vorsprung als Gewinner (54 zu 30 Prozent). Das nationale Network CBS eruierte auch unter zuvor unentschiedenen Wählern einen Vorteil für Obama von 39 zu 27 Punkten. Einzig der konservative Sender Fox-TV sah John McCain als eindeutigen Sieger der Debatte.

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