TV-Bilder zum Kampf um Kobane empören Kurden

ARBIL. Syrische und türkische Kurden werfen Ankara vor, ihrem Überlebenskampf gegen die IS-Jihadisten in der Grenzstadt Kobane untätig zuzuschauen.

Michael Wrase
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Türkische Panzerstellung. (Bild: ap)

Türkische Panzerstellung. (Bild: ap)

ARBIL. Syrische und türkische Kurden werfen Ankara vor, ihrem Überlebenskampf gegen die IS-Jihadisten in der Grenzstadt Kobane untätig zuzuschauen.

Als der türkische Privatsender «IMC TV» in seiner Live-Berichterstattung von der türkisch-syrischen Grenze gestern vier IS-Jihadisten zeigte, die sich durch eine türkische Eisenbahnunterführung nach Syrien schlichen, war die Empörung gross. Anstatt den eingeschlossenen Kurden zu helfen, unterstütze Ankara noch immer klammheimlich die IS-Terroristen, schimpften auch die Moderatoren. Einige Minuten später schwenkten die Kameras auf türkische Panzer am Grenzzaun, die problemlos auf die vorrückenden Kämpfer des Islamischen Staates feuern könnten, es aber nicht tun.

Für etwas Entlastung sorgten lediglich sechs Kampfflugzeuge der amerikanisch-arabischen Koalition, die nach Sonnenaufgang Stellungen des «Islamischen Staates» (IS) in den Sanddünen westlich von Kobane bombardierten. Die Rauchsäulen im Fernsehen könnten Hinweise auf Volltreffer sein. Verschoben haben sich die Fronten nach dem Eingreifen der Koalition allerdings nicht.

«Bis zum Tod ausharren»

Die IS-Verbände stehen weiterhin etwa drei Kilometer vor Kobane. Für eine Konter-Offensive fehlen den Kurden schwere Waffen und gepanzerte Fahrzeuge, über die nur der IS verfügt. Mehr als 50 Mörsergranaten schlugen in den letzten 48 Stunden in der umzingelten Grenzstadt ein. Dort haben sich die kurdischen Verteidiger auf den Häuserkampf vorbereitet. «Bis zum Tod» wollen sie ausharren. Auf der türkischen Seite der Grenze hoben derweil Bagger lange Gräben aus, die kurdische Freiwillige das Überschreiten der Grenze erschweren sollen.

Die Live-Bilder von der Schlacht um Kobane haben Millionen von Kurden emotionalisiert. Sie können es nicht fassen, dass die türkische Armee vor ihren Augen eine islamistische Terrormiliz schalten und walten lässt. Folgenlos, das ist sicher, wird die türkische Passivität nicht bleiben. PKK-Kommandanten haben bereits mit der Wiederaufnahme des Guerillakrieges in der Türkei gedroht. In Südost-Anatolien demonstrieren jeden Tag Tausende gegen die türkische Regierung, die als «Verbündeter» des IS beschimpft wird.

Paktiert Ankara mit dem IS?

Die meisten Kurden rechnen mit dem Schlimmsten: Sollte das türkische Parlament heute für begrenzte Militäroperationen in Syrien und Irak stimmen, könnte die Armee schon bald in die kurdische Region Kobane einmarschieren. Die IS-Milizen würden sich dann zurückziehen. Ihren Vormarsch betrachten die PKK-nahen Kurden als ein abgekartetes Spiel zwischen dem türkischen Geheimdienst und dem «Islamischen Staat», der mit seiner Offensive eine türkische Intervention in Syrien ermöglichen soll, die sich vor allem gegen Kurden richte.

Abzuwarten bleibt, ob die USA und ihre Verbündeten der Einrichtung einer Schutzzone zustimmen werden. Diese würde nicht nur in Damaskus, sondern auch in Teheran und Moskau auf Widerstand stossen. Mit einem UNO-Mandat für seine Expansionspläne kann Ankara nicht rechnen.

Ein türkischer Alleingang hätte verheerende Folgen für die immer wieder proklamierte «friedliche Öffnung» Ankaras zu den Kurden.