Türkische Religionskeule gegen offenes Papstwort

Papst Franziskus hat in einer Gedenkmesse das Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord bezeichnet. Ein Wort, das inzwischen weltweit Gültigkeit, aber im Geschichtsverständnis der Türkei nach wie vor keinen Platz hat.

Walter Brehm
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Papst Franziskus hat in einer Gedenkmesse das Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord bezeichnet. Ein Wort, das inzwischen weltweit Gültigkeit, aber im Geschichtsverständnis der Türkei nach wie vor keinen Platz hat.

Entsprechend ist die Reaktion Ankaras ausgefallen. Premier Ahmet Davutoglu verurteilt die päpstliche Äusserung als «unangemessen» und «einseitig». So weit, so schlecht, möchte man meinen, ein Kampf Ankaras gegen die Windmühlen der Geschichte, wie er nicht zum ersten Mal ausgefochten wird. Nur: Die türkische Regierung begnügt sich nicht damit, ihrem Ärger Luft zu machen. Sie nimmt in schwieriger Zeit das Papstwort zum Anlass, den Kulturkampf zu schüren. Indirekt, aber deutlich wirft Ankara Franziskus vor, der Islamfeindlichkeit Vorschub zu leisten – und warnt vor «irreparablen Konsequenzen». Eine echte Drohung aus einem Land, in dem religiöse Minderheiten eine prekäre Existenz führen.

Wider die historischen Fakten

Am 24. April 1915 hatte die Verfolgung der Armenier durch die damalige osmanische Regierung in Istanbul mit Massenverhaftungen begonnen. Zwischen 1915 und 1916 kamen dann in organisierten Deportationen nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reiches lehnt aber die Republik Türkei den Begriff Völkermord ab und setzt die Zahl der Opfer deutlich niedriger an. Doch das Feilschen um die Opferzahl ist nicht der Kern der Auseinandersetzung. Die UNO-Charta hat sich nach dem Holocaust an den europäischen Juden nicht an der Masse der Opfer orientiert, sondern daran, dass Völkermord dann gegeben ist, wenn eine ethnische, religiöse oder kulturelle Bevölkerungsgruppe einzig wegen ihrer Identität bedrängt, verfolgt oder ermordet wird. Ein Kriterium, das auf die Massaker an den Armeniern international mit Fug und Recht angewandt wird.

Angeklagt worden ist stets die osmanische Regierung, verantwortlich gemacht wird seit der Gründung der türkischen Republik deren Regierung. Allerdings geht es nicht darum, der türkische Regierung oder gar den türkischen Moslems eine generelle Mitschuld an dem Genozid anzulasten.

Aber als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reiches ist die Türkei der Ansprechpartner in allen Fragen der Aufarbeitung des Genozids. Diese Verantwortung musste nach 1945 auch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland tragen – als Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches.

Gefährliche Opferrolle

Der Genozid an den Armeniern war zwar nicht – wie vom Vatikan mehrfach behauptet – der erste im 20. Jahrhundert. Das war der Völkermord an der Herero und Nama der deutschen Kolonialherrschaft. Und nach dem Nazi-Holocaust haben die Völkermorde in Kambodscha und Ruanda endgültig klargemacht, dass dieses Verbrechen an der Menschheit immer wieder verübt wird – von Christen, von Moslems oder auch von säkularen Diktaturen.

Ankara spielt mit dem Feuer, wenn es sich auf eine Opferrolle zurückzieht und erst recht, wenn es den Moslems weiszumachen versucht, ihre Religion sei der wahre Grund dafür, dass vom Genozid an den Armeniern gesprochen werde. Aber auch der Papst sollte es der türkischen Regierung nicht so leicht machen: Wer zu Recht über den Völkermord an den Armeniern spricht, sollte auch über die vorhergegangenen Verbrechen der Kolonialzeit reden und gerade damit klarmachen, wie scheinheilig Ankaras Schutzbehauptung ist. Denn hier gilt das Papstwort für alle: «Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen.»

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