Türkische Piloten verschleppt

Viele «offene» Rechnungen mit der Türkei. Politisch motivierte Entführungswelle schwappt von Syrien auf Libanon über. Bekennerschreiben einer bisher unbekannten Gruppe.

Michael Wrase
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Bewaffnete Schiiten in Beirut. (Bild: epa)

Bewaffnete Schiiten in Beirut. (Bild: epa)

LIMASSOL. Zwei Piloten der Fluggesellschaft Turkish Airlines sind am Freitagmorgen in Beirut entführt worden. Bewaffnete Männer hatten den Bus, in dem mehrere Besatzungsmitglieder der Airline zu einem Hotel fahren wollten, auf der Autobahn in die Innenstadt von Beirut gestoppt und die Piloten verschleppt.

Zu der Entführung bekannte sich einige Stunden später eine Gruppe mit dem Namen «Zuwar al Imam Ridha». Er bezieht sich auf den achten der zwölf schiitischen Imame. Die Gruppe war bislang nicht in Erscheinung getreten und hat anscheinend bisher auch keine konkreten Forderungen gestellt.

Rache eines Clans?

Libanesische Medien vermuten, dass es sich bei den «Zuwar» (arabisch für Besucher) des Imam Ridha um Mitglieder eines schiitischen Clans aus der libanesischen Bekaa-Ebene handeln könnte. Angehörige der Grossfamilie waren im Mai vergangenen Jahres von syrischen Rebellen verschleppt worden. Diese Entführung ereignete sich kurz hinter der türkischen Grenze. In die Verhandlungen zur Freilassung der Schiiten, die von einer Pilgerfahrt nach Iran zurückgekommen waren, wurde auch der türkische Geheimdienst eingeschaltet, der enge Kontakte zu den meisten Aufständischen unterhält.

Nicht nur Schiiten gegen Türkei

Da die Gespräche bisher keine Ergebnisse brachten, sei es «nachvollziehbar, den Druck auf die Türkei zu erhöhen», sagte ein lokaler Journalist mit Kontakten zu den Familien der Entführten. Diese haben aber über ihren Sprecher, einen der Hisbollah nahestehenden Geistlichen, bestritten, in die Entführung der Piloten verwickelt zu sein. Allerdings würden die Angehörigen der schiitischen Geiseln das Kidnapping «grundsätzlich begrüssen».

Die Kräfte, die mit der Türkei «offene Rechnungen» haben, beschränken sich aber nicht nur auf die libanesischen Schiiten, heisst es in Beirut. In Frage kämen auch Mitglieder der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), die in Nordsyrien einen erbitterten Krieg gegen Al Qaida führt. Die jihadistische Terrororganisation soll in der vergangenen Woche Hunderte von kurdischen Zivilisten ermordet und mehr als 800 Kurden als Geiseln genommen haben. PYD-Funktionäre warfen der Türkei vor, Kämpfer der jihadistischen Nusra-Front zu bewaffnen und deren Einsickern nach Syrien zu erleichtern. Ankara bestreitet dies.

Türkische Medien zitierten dagegen Augenzeugen, die Nusra-Kämpfer in türkischen Zügen im Grenzgebiet gesehen haben wollen.

Immer mehr Entführungen

Entführungen von Zivilisten haben in Syrien in den letzten Monaten massiv zugenommen. Unter den Verschleppten sind auch zwei christlich-orthodoxe Bischöfe aus Aleppo. Sie waren im April dieses Jahres im türkisch-syrischen Grenzgebiet unterwegs, als sie von tschetschenischen Terroristen entführt wurden, die mit islamistischen Rebellen kämpfen. Seither gibt es von den beiden Kirchenfürsten kein Lebenszeichen. Berichte, nach denen sie in der Türkei festgehalten werden sollen, wurden von Ankara energisch dementiert.