TÜRKEI: Wo ist Mustafa Özben?

Seit Anfang Jahr sind elf Personen auf mysteriöse Art verschwunden. Ihr Verbleib ist unklar. Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm und schieben die Schuld der Regierung Erdogan zu.

Gerd Höhler, Athen
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Erdogan-Kritiker fordern bei einer Demonstration Gerechtigkeit (türkisch: adalet). (Bild: Erdem Sahin/EPA (Instanbul, 16. Juni 2017))

Erdogan-Kritiker fordern bei einer Demonstration Gerechtigkeit (türkisch: adalet). (Bild: Erdem Sahin/EPA (Instanbul, 16. Juni 2017))

Gerd Höhler, Athen

Entlassungen, Razzien, Verhaftungen – das war bisher. Jetzt machen sich verschiedene Menschenrechtsorganisationen grosse Sorgen: Immer häufiger verschwinden Regierungskritiker in der Türkei spurlos. Erreichen die «Säuberungen» von Staatschef Recep Tayyip Erdogan eine neue Dimension?

Am Vormittag des 9. Mai verliess Mustafa Özben die Wohnung seiner Familie in Ankara, um seine 10-jährige Tochter zur Schule zu fahren. Auf dem Rückweg wollte er einige Lebensmittel einkaufen. Aber Mustafas Frau Emine wartet bis heute vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes. Er ist verschwunden.

Der 42-jährige Özben ist Jurist. Er hatte seine Anwaltstätigkeit aufgegeben, um an der Turgut-Özal-Universität zu lehren. Eine Woche nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurde die Hochschule per Dekret des Staatspräsidenten Erdogan geschlossen, wegen angeblicher Verbindungen zu dessen Erzfeind Fethullah Gülen. Die Regierung vermutet Gülen als Drahtzieher hinter dem Putschversuch, seine «Hizmet»-Bewegung wurde zur Terrororganisation erklärt. Der Hochschullehrer Özben verlor seinen Job, gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Unterstützung einer Terrorgruppe eingeleitet.

In schwarzen Transporter gezerrt

Am Tag nach dem Verschwinden ihres Mannes machte Emine Özben eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Die Beamten hätten sie vertröstet: Ihr Gatte sei wahrscheinlich «durchgebrannt». Mit Hilfe von Verwandten hat Emine Özben zu rekonstruieren versucht, was geschah. Zuletzt wurde ihr Mann vor einem Supermarkt gesehen. Augenzeugen berichten, drei Männer hätten Özben überwältigt, in einen schwarzen VW-Transporter gezerrt und seien mit ihm davongefahren. Damit verliert sich die Spur des Familienvaters.

Das Verschwinden von Özben scheint kein Einzelfall zu sein: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat mehrere ähnliche Vorgänge dokumentiert. «Es gibt glaubwürdige Hinweise darauf, dass Agenten der Regierung die Vermissten gewaltsam verschwinden liessen», sagt Hugh Williamson, der Europadirektor von HRW. Allein in Ankara gab es seit Januar elf solcher mysteriösen Entführungen. Ein Fall betrifft den Lehrer Önder Asan. Er unterrichtete Philosophie an einer Privatschule, die ebenfalls wegen angeblicher Gülen-Verbindungen geschlossen wurde. Am 1. April 2017 wurde Asan in Yenimahalle bei Ankara aus einem Taxi gezerrt. Seine Entführer steckten ihn in einen Lieferwagen – wieder war es ein schwarzer VW-Transporter. 41 Tage nach seiner Entführung meldete sich Asan aus dem Polizeipräsidium in Ankara telefonisch bei seiner Familie. Einem am nächsten Tag hinzugezogenen Anwalt berichtete der Lehrer, er sei von seinen Entführern in einer winzigen Zelle an einem unbekannten Ort festgehalten, verhört und gefoltert worden, bevor die Männer ihn bei der Polizei ablieferten.

Die Fälle wecken schlimme Erinnerungen an eine dunkle Ära: In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden in der Türkei Hunderte Menschen entführt. Fast 1400 Fälle von «Verschwindenlassen» sind aus der Zeit zwischen dem Militärputsch von 1980 und Ende der 1990er-Jahre dokumentiert. Einen Höhepunkt erreichten die Entführungen Mitte der 1990er-Jahre unter der konservativen Premierministerin Tansu Ciller. Die Opfer waren vor allem kurdische und linke Bürgerrechtler. Manche fand man Tage, Wochen oder Monate nach ihrer Entführung tot in irgendeinem Strassengraben, oft mit Spuren von Folter und Misshandlungen.

«Die Regierung muss sofort handeln»

Mehr als zwei Jahrzehnte lang demonstrierten in Istanbul vor dem Galatasaray-Gymnasium jeden Samstag Mütter und andere Angehörige von Entführungsopfern, um von den Behörden Auskunft über das Schicksal der Verschwundenen zu erhalten. 2009 empfing der damalige Ministerpräsident Erdogan eine Abordnung der «Samstagsmütter» und versprach Aufklärung. Geschehen sei aber nichts, berichten Angehörige der Verschollenen. Droht jetzt ein Rückfall in die finsteren 90er-Jahre?

«Vor dem Hintergrund der dunklen Vergangenheit ist es umso wichtiger, dass die Behörden den alarmierenden Anstieg der Entführungen in Ankara untersuchen», mahnte Menschenrechtler Hugh Williamson anfangs August in einem Brief an den türkischen Justizminister Abdülhamit Gül. Das «Verschwindenlassen» sei eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung. «Die Regierung muss sofort handeln, um diese Praktiken auszumerzen.»

Der Oppositionsabgeordnete Sezgin Tanrikulu verlangt in einer parlamentarischen Anfrage von der Regierung Auskunft über den Verbleib von sieben Verschwundenen. Gemeinsamer Nenner: Gegen alle sieben wurde wegen angeblicher Gülen-Verbindungen ermittelt.