TÜRKEI: Dschihad statt Darwin

Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan lässt die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen streichen. Argumentiert wird mit islamischen Werten.

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Er wolle eine «gläubige Jugend» heranziehen, versprach Recep Tayyip Erdogan schon 2012. Auf diesem Weg macht die türkische Regierung jetzt einen grossen Schritt nach vorn – oder zurück, je nach Perspektive. Die Evolutionstheorie des britischen Theologen und Naturforschers Charles Darwin (1809–1882) wird im kommenden Jahr aus dem Biologieunterricht der türkischen Schulen gestrichen. Stattdessen kommt bereits in diesem Jahr der «Dschihad» auf den Stundenplan.

Im Erziehungsministerium in Ankara beeilt man sich, zu betonen, damit sei natürlich nicht der «Heilige Krieg» gemeint, wie ihn sich etwa die Terrormiliz IS auf die Fahnen geschrieben hat. Regierungsnahe Theologen kritisieren, das Wort Dschihad werde von Extremisten missbraucht und im Westen einseitig als gewaltsamer Kampf zur Verbreitung des Islam missverstanden. Der Koran verstehe darunter aber den «inneren Kampf» um den rechten Glauben, das persönliche Bemühen eines Muslims, die Werte des Islam zu leben. «Wir wollen, dass der Dschihad in seiner korrekten Bedeutung gelehrt wird», erklärt Erziehungsminister Ismet Yilmaz. Er spricht von einem neuen, «wertbasierten» Lehrplan. Nicht nur der Dschihad kommt auf den Stundenplan, die Schulen werden auch verpflichtet, Gebetsräume einzurichten.

Feldzug gegen die Evolutionstheorie

Das bisherige Kapitel «Der Beginn des Lebens und die Evolution» wird in den Schulbüchern durch den Abschnitt «Lebewesen und Umwelt» ersetzt. Viele säkular eingestellte Türken sehen darin weitere Schritte Erdogans, das gesellschaftliche und politische Leben in der Türkei nach seinen religiös-konservativ geprägten Wertvorstellungen zu prägen. Erdogans Regierung führt seit langem einen Feldzug gegen die Evolutionstheorie, die von vielen strenggläubigen Muslimen – wie auch von christlichen Fundamentalisten – als gottlose Irrlehre bekämpft wird. 2009 untersagte der staatliche Wissenschaftsrat die Veröffentlichung eines Artikels über Darwin in einer Fachzeitschrift, die Herausgeberin wurde entlassen. Kritiker fragen, wie man ohne die Evolutionstheorie qualifizierte Biologen, Pharmakologen und Ärzte ausbilden könne. Die regierungskritische Lehrergewerkschaft Egitim-Is will gegen die Streichung der Evolutionstheorie vor Gericht ziehen.

Yilmaz will nicht nur der Religion breiteren Raum geben. Auch die Niederschlagung des Putschversuchs im Juli 2016 wird im neuen Lehrplan als «legendäres und heroisches historisches Ereignis» ausführlich behandelt. Im Rahmen der «Säuberungen» nach dem gescheiterten Umsturz hatte Erdogan per Dekret mehr als 44 000 Lehrer sowie fast 8700 Hochschullehrer entlassen. Fast 900 Privatschulen wurden geschlossen. Kritiker sehen darin den Versuch der Regierung, das Erziehungswesen gleichzuschalten. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Kemal Kilicda­roglu wirft der Regierung vor, sie wolle «Kinder daran hindern, Fragen zu stellen».

Getrennte Schulen für Mädchen und Buben?

Die Erdogan-nahe Lehrergewerkschaft Egitim Bir Sen kämpft seit Jahren dafür, getrennte Klassen für Buben und Mädchen einzurichten und den Religionsunterricht nicht nur im ersten Schuljahr, sondern bereits im Kindergarten einzuführen.

Das Weltbild der türkischen Schüler könnte sich noch viel grundlegender wandeln, wenn sich Leute wie Tolgay Demir durchsetzen. Demir ist stellvertretender Vorsitzender der Jugendorganisation der Erdogan-Partei AKP in Istanbul. In einem vielbeachteten Beitrag auf der Internetseite seiner Organisation erklärte Demir, genauso falsch wie die Evolutionstheorie sei die Ansicht, dass es sich bei der Erde um eine Sphäre handle. In Wirklichkeit, so schrieb Demir, sei die Erde eine Scheibe.

Gerd Höhler, Athen