«Tu, was du zu tun hast»

Die Täter der Anschläge auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» und auf den jüdischen Supermarkt in Paris von Anfang Jahr handelten nicht allein. Sie waren ferngesteuert, vermutlich aus Syrien.

Stefan Brändle
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PARIS. Die Zeitung «Le Monde» veröffentlichte in ihrer Wochenendausgabe mehrere E-Mails, die Ermittler auf einem Computer des Geiselnehmers Amédy Coulibaly gefunden hatten. Ihr Inhalt lässt die Anschläge mit insgesamt 17 Todesopfern in einem neuen Licht erscheinen.

In Banlieue-Französisch

Bisher war nur bekannt, dass sich die Brüder Chérif und Saïd Kouachi und Coulibaly untereinander abgesprochen hatten; sie selber nannten es «Synchronisierung». Die drei kannten sich aus dem Gefängnis, wo sie sich unter dem Einfluss von Islamisten radikalisiert hatten. Einer von ihnen, Saïd Kouachi, war 2011 zu einer Kampfausbildung nach Jemen gereist. Doch die Anschläge auf die «Charlie»-Redaktion und den jüdischen Supermarkt hatten sie nach Polizeierkenntnissen selber organisiert und durchgeführt.

Die E-Mails machen nun klar, dass der Doppelanschlag von aussen gesteuert war. Geiselnehmer Coulibaly erhielt jedenfalls genaue Anweisungen, die Ermittler am ehesten einem französischen Mitglied der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) in Syrien zuordnen.

«Okay, tu, was du heute zu tun hast» («Ok, fé ske ta a fair aujourd'hui»), erklärte am 7. Januar ein Auftraggeber in typischem Banlieue-Französisch. Während die Kouachi-Brüder an jenem Tag die «Charlie»-Redaktion heimsuchten, handelte Coulibaly im Alleingang: Zuerst schoss er – zu Übungszwecken? – auf einen Jogger in der Nähe seiner Wohnung, danach brachte er in Paris-Montrouge eine Polizistin um, während die Kouachis auf der Flucht waren. Per E-Mail wurde ihm mitgeteilt, er werde «bald Anweisungen» erhalten, wie er weiter vorzugehen habe; unter anderem müsse er «in einem Video erklären, dass du <Zigoto> im Namen von <d> helfen». Die Ermittler vermuten, dass mit «Zigoto» die Gebrüder Kouachi und mit «d» die Terrormiliz IS – in Frankreich «Daesh» genannt – gemeint waren.

Hintermann im Verdacht

Amédy Coulibaly informierte seinen anonymen Befehlsgeber seinerseits, wie viele Waffen er hatte: «ein Sturmgewehr AK74 mit 275 Patronen, sechs Tokarev-Pistolen mit 69 Patronen, drei kugelsichere Westen, zwei Tränengassprays und zwei Messer.» Am 8. Januar wurde er zu seiner wichtigsten Mission losgeschickt. «Freunde unmöglich, allein arbeiten», wurde ihm unter anderem mitgeteilt. Tags drauf, am 9. Januar, als sich die Brüder Kouachi östlich von Paris in einer Fabrik verschanzt hielten, stürmte Coulibaly den jüdischen «Hyper cacher» und brachte vier Menschen um, bevor er Stunden später selber von Polizisten erschossen wurde.

Wer der ominöse, offensichtlich frankophone Auftraggeber sein könnte, ist ein Hauptgegenstand der französischen Ermittlungen. Am meisten genannt wird der Name Salim Benghalem. Dieser 35jährige Franzose stammt aus dem Pariser Vorort Cachan und kannte einen der Kouachi-Brüder, Chérif, sowie Coulibaly. Auch stand er in Verbindung mit extremistischen Islamisten des «Netzwerks Buttes-Chaumont», das junge Franzosen in den irakischen Jihad vermittelte.

Gefährlicher IS-Kämpfer

2012 reiste Benghalem selber nach Syrien. Mehrere westliche IS-Geiseln erkannten in ihm einen ihrer Wächter. Die USA führten ihn 2014 in einer Liste der zehn gefährlichsten IS-Kämpfer. Dem Vernehmen nach haben französische Kampfjets schon Luftschläge mit dem Ziel lanciert, Benghalem zu töten. Weshalb er, falls er noch am Leben sei, den ferngesteuerten Jihad gerne ein weiteres Mal nach Frankreich tragen würde.