Trumps Lieblingsgegner triumphiert: Bernie Sanders gewinnt auch in Nevada – und bringt die US-Demokraten ins Dilemma

Der selbsternannte demokratische Sozialist hätte gegen Donald Trump kaum eine Chance. Trotzdem ist er auf bestem Weg dazu, von den Demokraten als offizieller Kandidat aufgestellt zu werden. 

Samuel Schumacher
Hören
Drucken
Teilen
Samuel Schumacher.

Samuel Schumacher.

Aus der Glücksspielmetropole Las Vegas kehren die meisten Menschen als Verlierer zurück. Nicht so Bernie Sanders, sozialistisches Polit-Urgestein und derzeit aussichtsreichster demokratischer Anwärter auf das Amt im Weissen Haus. Der 78-jährige Senator aus Vermont hat die Vorwahlen in Nevada haushoch gewonnen. «Ich habe Neuigkeiten für das demokratische Establishment: Ihr könnt uns nicht stoppen!», tippte Sanders auf Twitter und wetterte bei einem Auftritt in Texas wild fuchtelnd gegen alles Etablierte im Land. Seine Botschaft ist klar: Koalitionen mit den Gegnern seiner Revolution (Gratis-Unis, Gratis-Schulkantinen und radikale Sparmassnahmen beim Militär) interessieren ihn nicht. Er will die politische Kollision – wie schon 2016, als ihm Hillary Clinton die Nomination entriss.

Und wie schon 2016 zittern die Parteioberen angesichts der Wucht, mit der Sanders der Nomination entgegenhechtet. Dass der radikal-linke Senator gegen Donald Trump gewinnen könnte, scheint ausgeschlossen. Die wichtigen Wechselwähler in den «Swing-States» kann Bernie nicht abholen. Doch US-Präsidentschaftswahlen werden genau da in der politischen Mitte gewonnen. Das weiss auch Trump: Er gratulierte Sanders zum Gewinn in Nevada – in offenkundiger Freude über das Geschenk der demokratischen Wähler. Freuen tut sich auch Russland, das sich laut US-Geheimdiensten auf Sanders’ Seite in den Wahlkampf einmischt. Nicht, weil sich Vladimir Putin einen Sozialisten im Weissen Haus wünscht, der seine Flitterwochen in der Sowjetunion verbracht hatte, sondern weil er glaubt, dass Sanders gegen Trump keine Chance hat.

Seine Ansprachen werden von Transparents-schwenkenden Fans genauso frenetisch bejubelt wie jene des US-Präsidenten.

Sanders, der erst im vergangenen Oktober einen Herzinfarkt erlitten hatte, zeigt sich davon unbeeindruckt. Und Scharen von jungen, farbigen, vom System vernachlässigten Amerikanern lassen sich noch so gerne von ihm berauschen. Sanders’ «Feel The Bern»-T-Shirts verkaufen sich ebenso gut wie Trumps «Make America Great Again»-Tschäpper. Seine Ansprachen werden von Transparents-schwenkenden Fans genauso frenetisch bejubelt wie jene des US-Präsidenten.

Gründe für den Vorwahl-Siegesritt des weisshaarigen Rebells gibt es viele. Das amerikanische Parteisystem zum Beispiel. Seit dem 19. Jahrhunderts wird es von zwei Parteien dominiert, die neben sich keine weiteren politischen Bewegungen dulden. Während in Europa seit Jahren neue Parteien für Furore sorgen – Macrons En marche in Frankreich, die AfD in Deutschland oder die Cinque Stelle in Italien –, hat die parteipolitische Renaissance in den USA nie stattgefunden. Stattdessen setzte sich 2016 der unerschrockene Reiter Trump auf das alte republikanische Schlachtross und peitschte es in eine neue Richtung. Dasselbe macht jetzt der parteilose Sanders mit dem demokratischen Esel (das Logo-Tier der Partei).

Die alten Phrasen etablierter Parteipolitiker verfangen in diesem Spiel der Extreme nicht.

Wenig überraschend ist auch, dass die experimentierfreudigen Amerikaner nicht mit reiner Vernunft auf den Ausnahmefall Trump reagieren, sondern das politische Pendel freudig ins andere Extrem ausschlagen lassen. Die alten Phrasen etablierter Parteipolitiker verfangen in diesem Spiel der Extreme nicht. Noch weniger, wenn sich die gemässigten Kandidaten Joe Biden, Pete Buttigieg, Amy Klobuchar und Michael Bloomberg weiter gegenseitig Stimmen wegnehmen. Gemeinsam hätten sie die Wähleranteile locker, um Sanders vom Vorwahl-Thron zu stossen.

Die Demokraten stolpern also auf folgendes Dilemma zu: Weil zu viele Kandidaten sich zu lange im Weg stehen, wird keiner von ihnen bis zum Parteitag im Juli das absolute Mehr an Delegierten auf sich vereinen. Die Partei muss sich dann entscheiden, ob sie dem wohl immer noch führenden Bernie Sanders den Zuschlag gibt, oder ob sie ihm die Nomination zu Gunsten eines gemässigten Kandidaten entreisst. Ersteres würde im Kampf der politischen Extreme – Sanders gegen Trump – enden, zweiteres im Untergang der demokratischen Partei, die Sanders’ riesige Basis gegen sich aufbrächte. Keine guten Aussichten für den amerikanischen Esel.