Wehrhafte Mythen
Trump will unbedingt eine befestigte Grenze: diese 7 Mauern mach(t)en Weltgeschichte

US-Präsident Donald Trump ist völlig fixiert auf die Mauer zu Mexiko. Sie soll Migranten und Drogen abhalten. «Mauer» ruft die Vorstellung einer Wehranlage hervor. Der Blick in die Geschichte zeigt aber: Meist dienten die Bauwerke anderen Zwecken.

christoph bopp
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Chinesische Mauer: Gilt als grösstes Bauwerk. Länge 21 196 Kilometer (2012 offiziell so festgestellt). Baubeginn im 7. Jahrhundert, wobei es schon vorher in China Grenzbefestigungen gab. Offizieller Zweck: Abwehr von Nomadenvölkern. Während der Ming-Dynastie (1368-1644) wurden rund 8000 Kilometer hinzugebaut, von denen noch rund 8 Prozent intakt sind. Seit 1987 UNESCO-Weltkulturerbe, die chinesischen Regierung investiert in Erhalt und Rekonstruktion und in touristische Infrastruktur.
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Der Römische Limes: Das Römische Reich hatte mit dem Tod von Trajan (117) seine grösste Ausdehnung erreicht. Nachfolger Hadrian (117-138) gab einige eroberte Gebiete auf und forcierte den Bau von Grenzschutzsystemen. Der „klassische Limes“ ist die Grenze zu den Germanengebieten („barbaricum“) in Deutschland (Obergermanisch-Rätischer Limes) und in Holland (Niedergermanischer Lines). Den Versuch, die Nordgrenze des Römischen Reiches an die Elbe zu verlegen, wurde im 1. Jahrhundert aufgeben. Rhein/Donau bildeten die Grenze. Der Obergermanisch-Rätische Limes (Deutschland) hat eine Länge von rund 550 Kilometern und bestand aus Wachttürmen, Palisaden und stellenweise Mauern. Steinmauern finden sich auch im Hadrianswall auf England. In Betrieb war der Limes vom 1. bis ins 6. Jahrhundert. Er war nicht als Verteidigungsstellung gedacht, sondern als gestaffeltes Grenzschutzsystem, um Bewegungen im Germangegebiet beobachten zu können und den Waren- und Personenverkehr zu kanalisieren und zu kontrollieren. Das römische Siedlungs- und Einflussgebiet reicht rechtsrheinisch weit über den Limes hinaus.
Demilitarisierte Zone in Panmunjeom (Korea): Nach dem Ende des Koreakrieges (1953) wurde zwischen Süd- und Nordkorea eine demilitarisierte Waffenstillstands-Zone geschaffen, welche die beiden Staaten trennte. Die Zone wurde entvölkert, auch die Siedlung Panmunjeom musste geräumt werden. Dort wurde der Kontrollpunkt eingerichtet, wo nord- und südkoreanische Grenztruppen die seltenen Übertritte zwischen Süd und Nord regeln.
Berliner Mauer: Am 13. August 1961 wurden mitten in Berlin vorerst provisorisch anmutende Mauern hochgezogen. Diese 167,8 Kilometer sollten den Abschluss bilden der 1378 Kilometer langen innerdeutschen Grenze, welche schon Anfang der 1950er-Jahre „befestigt“ wurde, um zu verhindern, dass Bürger der DDR in den Westen flohen. West-Berlin, mitten in DDR-Gebiet gelegen, war die letzte „offene“ Stelle im „antifaschistischen Schutzwall“ gewesen. Seit 1960 hatten die DDR-Grenztruppen Befehl, auf DDR-Bürger, welche den „ungesetzlichen Grenzübertritt“ versuchten, zu schiessen. Die Berliner Mauer forderte je nach Darstellung zwischen 136 und 245 Toten. Am 9. November 1989 wurde die Berliner Mauer „geöffnet“, als die DDR-Grenztruppen die nach Westen drängende Menschenmenge nicht unter Kontrolle bringen konnten.
Sperranlage Israel-Palästina: Am 16.Juni 2002 beschloss Israel zwischen dem eigenen Staatsgebiet und den Palästinensergebieten eine "Sperranlage" zu bauen. Man hoffte, damit die Zahl der Selbstmordattentate in Israel verringern zu können. Geplant sind 759 Kilometer, fertig gestellt bis 2010 wurden ungefähr 60 Prozent. Ob die Wirkung grösser ist als die Provokation, ist umstritten.
Grenzzäune in Osteuropa und auf dem Balkan (hier Ungarn): Nach 2015 begannen einzelne EU-Staaten ihre Grenzen abzuriegeln und errichteten Drahthindernisse, welche verhindern sollten, dass Migranten die Grenze überschreiten.
Mauern, die Geschichte mach(t)en

Chinesische Mauer: Gilt als grösstes Bauwerk. Länge 21 196 Kilometer (2012 offiziell so festgestellt). Baubeginn im 7. Jahrhundert, wobei es schon vorher in China Grenzbefestigungen gab. Offizieller Zweck: Abwehr von Nomadenvölkern. Während der Ming-Dynastie (1368-1644) wurden rund 8000 Kilometer hinzugebaut, von denen noch rund 8 Prozent intakt sind. Seit 1987 UNESCO-Weltkulturerbe, die chinesischen Regierung investiert in Erhalt und Rekonstruktion und in touristische Infrastruktur.

Keystone

Die am Öl reich gewordenen Wüstensöhne in Dubai bauen Türme. Donald Trump baut eine Mauer. Mehr als Paläste oder Tempel und Kirchen taugen Türme und Mauern dazu, einen Superlativ für sich zu reklamieren. Das grösste Bauwerk der Welt? Der Mythos sagt: Der Turm zu Babel. Und die Geschichte sagt: Die grosse Mauer in China.

Franz Kafka hat in einem nicht ganz durchschaubaren nachgelassenen Text («Beim Bau der chinesischen Mauer») die beiden Bauvorhaben miteinander in Verbindung gebracht. Mit zwei interessanten Ideen: Die eine war, dass die Mauer vielleicht als Fundament gedacht werden könnte für einen neuen Turm zu Babel, der dann wirklich vollendet werden könnte. Und die andere Idee ist etwas komplizierter. Sie ging dahin, dass die Grosse Mauer vielleicht - wer sollte denn das wissen? - nur ein Stückwerk war, unvollendet, denn man musste sie an vielen orten beginnen, weil der Mensch es nicht erträgt, an einem Bauwerk zu arbeiten, von dem er nur weiss, dass er dessen Vollendung weder erleben noch sich vorstellen kann. Wie kann denn, was den «im Abglanz der göttlichen Mächte Pläne zeichnenden Händen der Führerschaft» entstammt, unvollkommen sein? Natürlich, fährt Kafka fort, wäre es für die Führerschaft ein Leichts gewesen, diesen Eindruck der Vorläufigkeit nicht aufkommen zu lassen. Also müsse man annehmen, dass die Unvollkommenheit gewollt war. «Sonderbare Folgerung!» ruft Kafkas Erzähler aus. Und doch entspreche er einem vollkommen vernünftigen Grundasatz: Man solle mit allen Kräften versuchen, die Pkläne der Führerschaft zu verstehen. Aber nur bis zu einem gewissen Grade. Um dann aufhören zu denken.

Donald Trump hat mit seinem Mauerprojekt auch die Verbindung zweier weit auseinander liegender Ideen vollbracht. Er befeuert den Mythos der Grossen Mauer: die prinzipielle Nicht-Vollendung – und befriedigt gleichzeitig den Traum von der einfachsten aller Lösungen: Lasst uns eine Mauer bauen, damit die bösen Menschen draussen bleiben.

In den Schulbüchern lesen wir auch, die chinesische Mauer habe der Abwehr von Nomadenstämmen gedient. Ein absurder Gedanke. Gegen die beweglichen Reiterheere, die überall auftauchen können, eine kilometerlange Mauer errichten zu wollen. Alos ist der Gedanke plausibler, die Mauer eher im symbolischen Sinn zu sehen. Sie trennt die sesshaften Han-Chinesen, welche ihre Äcker bebauen, von den umherschweifenden Hirten und Nomaden und markiert damit eine Kulturgrenze. So leben wir hier und so leben sie draussen. Dafür spricht auch, dass die Mauer bautechnisch extrm aufwändig gebaut wurde, meist auf den Hügelrücken, damit man sie auch von weit her sehen konnte. Imposant war sie auf jeden Fall – und ist sie wieder. Chinas Markenzeichen, aber nur für die Touristen. Die Chinesen würden das wohl weniger schätzen.

Als die Chinesen die Grosse Mauer zu bauen begannen, bestand das chinesische Kaiserreich schon lange. Beim anderen grossen Grenzprojekt der Vergangenheit, der Limes-Befestigungen der Römer in Nordeuropa, liegt der Fall ein bisschen anders. Caesar eroberte Gallien und seine Nachfolger den Rest der Welt. Das hatten sie auf jeden Fall vor. Aber mit den Germanan taten sie sich schwer (Arminius und der Teutoburger Wald).

Während des Prinzipats von Kaiser Hadrian (117-138) wurde das Ende des römischen Expansionsdrangs an vielen Stellen durch Grenzbefestigung und markierung sichtbar. Das Römische Reich war erobert, jetzt folgte eine Phase der Konsolidierung. In England sind noch an vielen Stellen Spuren des «Hadrianswall» zu sehen. Das war eine wirkliche Grenzbefestigung gegen schottische Stämme.

Der Limes - es gab solche Anlagen am Rhein, an der Donau, in den Karpaten, am Euphrat und in Nordafrika - war aber in den wenigsten Fällen dafür gedacht, in Form einer Verteidigungsstellung feindliche Überfälle auf das Reichsgebiet abzuwehren. Sondern er diente als Steuerungsinstrument für Handel und Einwanderung. Von ihm aus betrieben die dort stationierten Truppen auch eine weitereichende Vorfeldaufklärung. Die römische Verwaltung wollte informiert sein, was im nahen Grenzgebiet passierte, um potenziellen Angriffen auf das Reich früh entgegen treten zu können.

Der Limes bestand aus einer Linie von von sogenannten Kastellen, Gebieten von ein paar Hektaren, durch Holz oder Steinmauern umgeben. Dort waren vor allem Reiter als schnelle Eingreiftruppen stationiert. Zuerst war die Verbindung zwischen diesen Posten wohl nicht mehr als ein Patrouillenpfad, später wurden Palisaden hinzugebaut.

Dass der Limes dann irgendwann auch Kulturen trennte, das Römische Reich vom sogenannten «freien Germanien», war nicht direkt beabsichtigt. Im Grenzgebiet selbst herrschte auch reger Waren- Personenverkehr. Der Grenzzaun steuerte den Verkehr, vor allem damit Zölle erhoben werden konnten und die Migratien aus Germanien kontrolliert werden konnte. Das Limesgebiet war eine Sphäre des Austauschs und durchaus auch des Wohlstands für die Bevölkerung jen- und diesseits.

Der Limes gestattete militärisch eine recht tief gestaffelte Verteidigung gegen Barbareneinfälle und ökonomisch einen geregelten Warenverkehr zwischen dem Römischen Reich und seiner Umgebung. Das Konzept war keine hermetisch geschlossene Durchgangssperre, sondern eine recht flexible Grenzorganisation und deshalb lange erfolgreich. Das Römische Reich ging nicht unter, weil es am Limes überrannt worden wäre.

Was sie sich die Chinesen beim Bau ihrer Mauer gedacht haben, lässt sich nicht mehr recht rekonstruieren. Die Idee hinter dem römischen Limes ist aber ziemlich klar. Bezahlt werden konnte auf beiden Seiten mit dem Denar. Aber die Rechtssysteme und die Form der Zivilisation waren verschieden. Auch wenn sich archäologisch römische Spuren (vor allem von Kulturpflanzen) bis weit ins germanische Gebiet hinein finden lassen.

Die Grenzen im Mittelalter waren weniger deutlich. Eigentliche Grenzbefestigungen in Europa entstanden erst wieder im 19. Jahrhundert. Traurige Berühmtheit erreichten die Anlagen von Verdun. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde vor allem in Frankreich und Belgien munter betoniert (die Maginot-Linie und in Belgien Eben Emael). Der deutsche «Blitzkrieg» machte deutlich, dass das Konzept nicht mehr zeitgemäss war.

1989 fiel die Berliner Mauer, die aber dem umgekehrten Zweck dienen sollte, die Leute drinnen zu halten. Die Zeiten, als Osteuropa kaum schwer zu bereisen war, waren vorbei. Europa hat erst in den letzten Jahren wieder mit dem Bau von Zäunen und Mauern begonnen (Ausnahme: das spanische Melilla in Marokko). Es handelt sich bei den Anlagen auf dem Balkan und in Osteuropa nicht um militärische Grenzbefestigungen, sondern wirklich um Zäune, welche Flüchtlinge und Migranten, die zu Fuss kommen, abhalten sollen.

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