Transparenz für teure Steine

Über Jahre hinweg haben die Diamanthändler von Antwerpen hunderte Millionen Euro auf Schweizer Konten versteckt. Mittlerweile setzt der grösste Handelsplatz der Welt auf strenge Auflagen.

Fabian Fellmann/Antwerpen
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Drehscheibe Antwerpen: In der belgischen Stadt werden 85 Prozent aller Rohdiamanten weltweit gehandelt. (Bild: getty/Raphael Gaillarde)

Drehscheibe Antwerpen: In der belgischen Stadt werden 85 Prozent aller Rohdiamanten weltweit gehandelt. (Bild: getty/Raphael Gaillarde)

Ein gepanzerter Bus biegt in die enge Gasse ein, ein Polizist senkt Sperren. Vor einem Stahltor laden zwei uniformierte Sicherheitsleute schwarze Boxen aus dem Bus und verschwinden im Gebäude. Kaum sind sie wieder weg, folgt der nächste Panzerwagen. Es herrscht ein emsiges Treiben in der Hoveniersstraat in Antwerpen, fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof. In der knapp 150 Meter langen Gasse wuseln Inder, Araber, Belgier und orthodoxe Juden zwischen den Panzerwagen herum. Denn hier gibt es die besten Rohdiamanten der Welt, rund 85 Prozent aller Rohdiamanten weltweit werden in Antwerpen gehandelt. An jedem Arbeitstag werden Steine im Wert von rund 200 Millionen Euro angeliefert – unter den wachsamen Augen von 18 Steueraufsehern.

Belgischer Handel, Schweizer Konten

Das war nicht immer so. Noch vor knapp zehn Jahren besass fast die Hälfte der gegen 1700 Antwerpener Diamanthändler Konten bei HSBC Schweiz, auf denen sich hunderte Millionen Euro befanden. Gegen die Privatbank laufen derzeit unter anderem in der Schweiz und Belgien Ermittlungen wegen des Verdachts, Kunden bei Steuerbetrug und Geldwäscherei geholfen zu haben. Damit die belgischen Steuerbehörden nicht misstrauisch wurden, soll die Bank Kontoauszüge an Tarnadressen geschickt haben. Und sie benutzte eine codierte Sprache: Ein Händler habe sich etwa nach seinem Kontostand erkundigt, indem er nach dem «Preis von Kaviar» fragte. Solche Praktiken gehen aus den Unterlagen hervor, die unter dem Titel «Swiss Leaks» veröffentlicht wurden und in den vergangenen Wochen die Bank in die Schlagzeilen gerückt haben. Schlimmer noch: Die Indizien deuten darauf hin, dass das Schwarzgeld teilweise aus dem Handel mit Blutdiamanten stammte.

Blutdiamanten werden ausgesondert

Das alles sei längst Geschichte, sagt Margaux Donckier, Sprecherin der Stiftung «Antwerp World Diamond Centre». Sie arbeitet für die Dachorganisation der Branche, in den obersten Stockwerken eines stark gesicherten Hochhauses, in dessen Keller der Diamantenhandel kontrolliert wird. «<Swiss Leaks> betrifft die Vergangenheit», sagt Donckier. «Inzwischen hat eine neue Generation von Diamanthändlern das Geschäftsmodell geändert. Und sie sind es satt, sich für etwas verteidigen zu müssen, womit sie nichts zu tun hatten.» In derselben Zeit, in der sich die Schweizer Banken vom Bankgeheimnis verabschieden und dem Schwarzgeld abschwören mussten, wurde auch der Diamanthandel von Antwerpen von der Tendenz zu mehr Transparenz erfasst. Heute sei Antwerpen der transparenteste Handelsplatz der Welt, sagt Donckier, sowohl was die Herkunft der Diamanten als auch die Vorschriften gegen Geldwäscherei angehe. Branche und Gesetzgeber wollen damit vor allem Blutdiamanten fernhalten – Verbindungen zu Krieg und Sklaverei könnten das glitzernde Geschäft trüben. Stammten früher 15 Prozent der Diamanten aus Konfliktgebieten, sind es heute laut Donckier noch 0,2 Prozent, und die würden ausgesondert.

Die Transparenz hat das Geschäft der Diamanthändler aufwendiger gemacht und damit die Gewinne schrumpfen lassen. Viele Firmen haben Compliance-Spezialisten angestellt, die darauf achten, dass alle Auflagen eingehalten werden. «Kurzfristig erleidet Antwerpen einen Nachteil. Auf lange Frist wird sich die Strategie aber auszahlen. Neue Minenbetreiber entscheiden sich zunehmend für Antwerpen als Handelsplatz – wegen der Transparenz», sagt Donckier. Die Industrie müsse aber auch ihre Effizienz steigern und Nischen besetzen, um wieder profitabler zu werden.

«Sauer auf die Schweizer»

Drei ältere jüdische Händler in der Hoveniersstraat zweifeln an diesen Zukunftsszenarien. Und auf die Schweiz sind sie gar nicht gut zu sprechen. «Schreiben Sie ruhig, die Antwerpener Diamantenszene sei sauer auf die Schweizer, dass sie unter dem Druck der Amerikaner das Bankgeheimnis abgeschafft haben», sagt einer der Männer. Vor zehn Jahren seien jeweils freitags die Schweizer Banker nach Antwerpen gekommen, wo sie das ganze Wochenende über Kunden angeworben hätten. Dabei sollen sie den Händlern sogar empfohlen haben, einen Teil des Geschäfts schwarz über die Schweiz zu führen, schimpft er. «Und jetzt lassen die Banken ihre Kunden einfach im Regen stehen. Sie schicken einen Brief, man müsse sein Konto innert dreier Monate räumen, und liefern unseren Steuerbehörden alle Angaben.»

Eigentlich müssten die Schweizer Banken ihnen jetzt Geschäftskredite verleihen, meint einer der Diamanthändler. Die belgischen Institute seien vorsichtig und knausrig geworden. Ohnehin laufe das Geschäft schlecht. Seit Jahren wandern Diamantschleifer aus Antwerpen ab, vor allem nach Mumbai, wo die mühsame Bearbeitung der Rohdiamanten billiger zu haben ist. Die vielen Vorschriften setzten der Branche nun noch mehr zu. «Wenn Kunden ein Schmuckgeschäft verlassen, müssen sie damit rechnen, dass Zivilfahnder die Quittung kontrollieren wollen», klagt einer. «Früher war vor Feiertagen die ganze Strasse voller Kunden aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Heute ist sie meistens leer.»

«Schwarze Schafe vertreiben»

Zwei junge flämische Diamanthändler sehen das ganz anders. Auch sie diskutieren in der Rauchpause über das schleppende Geschäft. Und auch sie ärgern sich manchmal über den enormen administrativen Aufwand wegen Geldwäscherei- und anderen Vorschriften. Doch sie erachten die Kontrollen als Vorteil: «Strenge Regeln vertreiben die schwarzen Schafe aus dem Geschäft.» Mit ihren Hornbrillen und den adretten Anzügen könnten sie als junge Zürcher Banker durchgehen – die ebenfalls beteuern, nichts mehr mit den Schwarzgeldgeschäften ihrer Vorgänger zu tun zu haben. «In jeder Firma gibt es eine neue Generation», sagt einer.

Zwei indische Händler prophezeien Antwerpen indes keine gute Zukunft. Die Politiker müssten die ausufernden Vorschriften eindämmen, schliesslich erwirtschafte man in der kleinen Gasse in Antwerpen ganze acht Prozent der belgischen Wirtschaftsleistung. Die beiden Mittzwanziger sind in Belgien aufgewachsen, in der abgeschotteten Welt der indischen Händlerfamilien. «Wir fühlen uns in Mumbai und London mehr zuhause als in Antwerpen», sagt einer. Bedränge Belgien den Diamanthandel zu sehr, werde dieser abwandern. «Wir können unsere Steine auch in Dubai verkaufen. Dort geht alles schneller und einfacher.»

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