Tränengas gegen Flüchtlinge

Nachdem die ungarische Grenze geschlossen ist und sich die Enttäuschung der Flüchtlinge in einer Revolte entladen hat, bieten Kroatien und Slowenien einen Korridor für Flüchtlinge an.

Rudolf Gruber
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Flüchtlinge umgehen Ungarn, um über Serbien via Kroatien und Slowenien in den Westen zu gelangen. (Bild: EQ-Images)

Flüchtlinge umgehen Ungarn, um über Serbien via Kroatien und Slowenien in den Westen zu gelangen. (Bild: EQ-Images)

WIEN/ZAGREB. An der ungarisch-serbischen Grenze spitzt sich die Lage dramatisch zu. Erstmals kam es gestern zu einer Revolte von blockierten Flüchtlingen gegen die nun totale Grenzsperre. Die Spannung hatte sich den ganzen Tag aufgeheizt: Am serbischen Grenzübergang Horgos sitzen seit der Grenzsperre Tausende Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Ungarn und Serbien fest.

Katastrophale Situation

Sie können nicht begreifen, dass sie nach monatelanger Flucht unter lebensgefährlichen Umständen jetzt mitten in Europa, in Ungarn, aufgehalten und wie Kriminelle behandelt werden. Zumal keiner von ihnen in Ungarn bleiben und alle nach Deutschland wollen. Der Grossteil der Flüchtlinge, darunter viele Frauen und Kinder, muss im Freien campieren, die sanitäre Situation ist katastrophal, medizinische Versorgung gibt es praktisch nicht. Gestern nachmittag kam es dann zur Revolte der Flüchtlinge gegen die ungarische Grenzpolizei. Nach Medienberichten durchbrachen etwa 300 junge Männer den Grenzzaun, stiessen auf ungarisches Gebiet vor, bewarfen Polizisten mit Steinen und setzten Reifen in Brand. Sie schrieen: «Öffnen! Öffnen!»

Erste Haftstrafe in Ungarn

Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, konnte aber die Revolte erst nach Stunden beenden. Zwecks Abschreckung marschierten schwerbewaffnete Antiterroreinheiten auf, Panzerfahrzeuge bezogen an der Grenze Position, im Hintergrund steht die Armee in Alarmbereitschaft. Der Vorfall verschärft die Beziehungen zwischen beiden Nachbarländern.

Ungarns Aussenminister Péter Szijjártó warf der serbischen Polizei vor, nicht gegen die bewaffneten Gewalttäter vorzugehen. Nach offiziellen Angaben wurden bisher 519 Flüchtlinge von der ungarischen Polizei festgenommen. Gestern wurde der erste Flüchtling, ein Iraker, von einem Schnellgericht wegen Grenzverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt, weitere 46 Verfahren sind anhängig.

Tausende auf neuer Route

Serbien könnte tatsächlich helfen, die Lage an der Grenze zu entschärfen: So könnten Busse die festsitzenden Flüchtlinge an die ostkroatische Grenze bringen. Kroatien und Slowenien bieten eine neue Variante der Balkanroute an, auf der die Flüchtlinge Ungarn umgehen können. Gestern kamen in den Morgenstunden die ersten 40 Kriegsflüchtlinge im serbischen Grenzstädtchen Sid an. Sie waren in der Nacht mit einem Bus vom südserbischen Aufnahmelager Presevo 500 Kilometer bis an die kroatische Grenze gefahren. Im Laufe des gestrigen Tages kamen insgesamt 350 Flüchtlinge, in den nächsten Tagen werden Tausende erwartet. Bus- und Taxiunternehmen würden bereits Routen an die kroatische Grenze anbieten.

Flucht im Minengebiet

Der Fussweg von Sid bis ins kroatische Grenzdorf Tovarnik ist allerdings nicht ungefährlich. Im Sommer 1991 tobte in dem Grenzgebiet der kroatische Unabhängigkeitskrieg von Jugoslawien. Nach Schätzungen der kroatischen Behörden liegen noch immer rund 51 000 Minen in der Erde. Deren Bergung war dem kroatischen Staat bisher zu teuer, er behalf sich mit Warnschildern. Noch gestern entsandte die Regierung nun aber Minenräumtrupps an die Grenze.