Totenglocke festgebunden, weil sie so oft läuten: Italien singt nicht, sondern trauert

Raffaella Rota lebt nahe Bergamos, dem Hotspot der Corona-Virus-Erkrankungen in Italien. Mehrmals am Tag läuteten in der katholischen Gemeinschaft die Totenglocken. Nun haben sie die Pfarrer festgebunden, weil es den Mitmenschen schier das Herz brach.

Aufgezeichnet: Gerhard Lob
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Nicht einmal zum Spazieren darf sie noch hinaus: Die 58-Jährige Raffaella Rota berichtet aus der Quarantäne.

Nicht einmal zum Spazieren darf sie noch hinaus: Die 58-Jährige Raffaella Rota berichtet aus der Quarantäne. 

Bild: Getty Images

Ich wohne in einer Gemeinde mit 8000 Einwohnern mit einem ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl. Gerade deshalb ist diese Pandemie für uns eine persönliche und kollektive Tragödie. Jede Familie in unserem Ort hat einen Verwandten verloren oder jemand liegt nun im Spital. Morgens werden wir vom Geheul der Sirenen geweckt. Du fragst dich: «Wen hat es jetzt erwischt?» Viele Alte werden krank und sterben zu Hause. Denn in den Spitälern hat es nicht mehr genug Platz für alle. Wir haben Angst und wir wissen nicht, wie lange das noch dauert.

Unsere Gemeinschaft ist sehr katholisch und praktiziert ihren Glauben. Mehrmals am Tag werden die Totenglocken geläutet. Doch in einigen Gebieten des Seriana-Tals haben die Pfarrer die Glocken festgebunden. Sie läuten nicht mehr. Den Menschen hat es einfach das Herz zerrissen zu wissen, dass sich wieder jemand für immer verabschiedet hat. Viele Priester, aber auch Hausärzte sind inzwischen selbst erkrankt. Es gibt keine Zeit mehr für «Pietà», für Mitleid und Erbarmen. Die Toten werden für die Kremation sofort zum Friedhof gebracht, mittlerweile vom Militär sogar in andere Gegenden Italiens.

Bei mir leben noch meine betagten Eltern, die seit drei Wochen das Haus nicht mehr verlassen haben. Ich selbst und meine Tochter sind seit zwei Wochen zu Hause. Nur ein Familienteil darf nach draussen, um einen Einkauf zu tätigen, zur Apotheke oder zur Arbeit zu gehen. Wir müssen beim Ausgang eine Maske und Einweghandschuhe tragen, ausserdem eine Selbstbescheinigung ausfüllen, welche die Motive für den Ausgang erklärt. In der Lombardei sind auch sportliche Betätigungen oder Spaziergänge im Wald verboten.

Ich bin sehr in Sorge um meine Eltern, wir kochen für sie, aber wir tragen auch Masken und Handschuhe, wenn wir am Tisch gemeinsam essen. Meinen Sohn und seine Familie kann ich nicht treffen, auch wenn sie nur wenige Kilometer entfernt wohnen. Denn wir dürfen die Wohngemeinde nicht verlassen.

Jetzt bekommen wir Hilfe aus China

Die Kontrollen sind massiv. Und es drohen Sanktionen bis zu zwei Jahre Gefängnis, wenn wir gegen die Regeln verstossen. Trotzdem sind noch recht viele Personen unterwegs. Jetzt soll auch das Militär kontrollieren. Die Sozialdienste kontaktieren derweil per Telefon alle alte Menschen in der Gemeinde. Mein Vater, 87, brach in Tränen aus, als er angerufen wurde.

Ich arbeite für eine Firma in der metallverarbeitenden Industrie. Bisher habe ich Ferientage einbezogen, um zu Hause bleiben zu können. Doch die Firma wird wohl dicht machen, da auch der Transport von Waren nicht gewährleistet wird. Dann müssen wir Bezüge von der Arbeitslosenkassen beantragen. Meine Tochter, 27, ist Pädagogin in einem Zentrum für Menschen mit Behinderungen. Auch dieses Zentrum hat geschlossen, ein Team von Erziehern und Psychologen versucht nun, via Skype zu arbeiten. Aber das ist nicht so leicht. Die menschliche Nähe ist hier wichtig.

Die Solidarität mit den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Freiwilligen des Roten Kreuzes ist in Bergamo gewaltig. Von 14 Ärzten, die am Coronavirus verstorben sind, stammen 13 aus der Lombardei. Die Pflegekräfte arbeiten allerdings über ihre Kräfte hinaus. Heute habe ich gehört, dass wir Unterstützung aus China bekommen, sogar Ärzte aus Kuba, die Erfahrungen bei der Ebola-Epidemie gesammelt haben. Wir brauchen diese Hilfe, denn wir fühlen und allein und vergessen von Europa.

Wir singen nicht von den Balkonen. Wir trauern. Einige Nachbarn mit kleinen Kindern haben diese Spruchbänder in Regenbogenfarben aufgehängt: «Tutto andrà bene». Alles wird gut. Es braucht jetzt eine gemeinsame Solidarität. Ich bin sicher: Dann schaffen wir das.