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Russland: Tote Kamele und
entartete Schamanen

Sibiriens Geisterbeschwörer sind in Verruf geraten. Es häufen sich Pseudoheiler, die vor allem auf Karriere und Geld aus sind oder gar Sex verlangen.
Stefan Scholl, Moskau
Ein Schamane im 200 Kilometer südwestlich von Moskau gelegenen Malojaroslawez richtet ein Gebet an die Götter. (Archivbild: Sergei Ponomarew/AP; 20. Juni 2009)

Ein Schamane im 200 Kilometer südwestlich von Moskau gelegenen Malojaroslawez richtet ein Gebet an die Götter. (Archivbild: Sergei Ponomarew/AP; 20. Juni 2009)

Erst zerrten die Männer Kamele durch den Schnee, trotz des Dröhnens der Trommeln wirkten die kräftigen, dickfelligen Tiere arglos. Die fünf Kamele wurden gefesselt, zu Boden geworfen und getötet. Man zerkleinerte sie, legte ihr Fleisch gemeinsam mit den Fellen auf einen grossen, mit Benzin getränkten Holzstapel, und verbrannte alles.

Das Schlachtfest fand schon Anfang Februar in einem Wald bei Angarsk in der ostsibirischen Region Irkutsk statt. Erst Wochen später erregte ein Video über das Opferritual die Sozialnetze in Russland. Tierschützer und Medizinmänner empörten sich, die Staatsanwaltschaft kündigte Ermittlungen wegen Tierquälerei an. Und in Russland werden die geistigen und moralischen Qualitäten der sibirischen Schamanen diskutiert. Es handele sich um das Ritual «Schen Tengeri Jaba» (zu Deutsch: Himmlische Karawane, verschwinde!) erläutert Artur Zybikow. Der Geisterbeschwörer mit dem Titel «Stellvertretender Oberster Schamane Russlands» hatte das Spektakel geleitet. «Ein äusserst seltenes Ritual, das letzte fand vor 300 Jahren statt. Daran wagen sich nur sehr mächtige Schamanen.»

Die Zahl 5 ist die segensreichste

Man habe fünf Kamele ausgewählt, weil Kamele den Göttern am nächsten stünden, und die Zahl Fünf die segensreichste in den Prophezeiungen der Schamanen sei, genauso wie bei den russischen Schulnoten. «Wir wollen mit unseren Gebeten unsere Heimat neu zur Welt bringen, stark, mächtig, schön und souverän.»

Andere Schamanen aber versichern, das Ritual «Himmlische Karawane, verschwinde!» existiere gar nicht. Witali Baltajew, Führer der Schamanengruppe «Bakail», erklärte der «Komsomolskaja Prawda», Tieropfer würden nie im Winter, nur im Sommer gebracht. «Und die Wiedergeburt Russlands als Anlass, das ist wohl doch etwas hoch gegriffen.»

Der «Stellvertretende Oberste Schamane Russlands» ist in Kollegenkreisen durchaus umstritten. Viele Medizinmänner versichern, in ihrer Zunft gäbe es keine Hierarchien, Wahlen oder Politik. «Die Gabe des Schamanen ist eine grosse Seltenheit», sagt der Irkutsker Kulturforscher Sergei Schotnikow der Agentur RIA Nowosti, «sie wird von Generation zu Generation vererbt und gilt als schwere Bürde.» Heute aber gäben sich sehr viele Zufallsfiguren als Schamanen aus. Zybikow war laut Radio Swoboda als Bodyguard, Gastronom und Assistent des Duma-Abgeordneten und Schlagerstars Josif Kobson in Moskau tätig, bevor er es als Geisterbeschwörer am Baikal versuchte. Bei Angarsk eröffnete er eine Lehranstalt für Medizinmänner, hat dort schon über 500 «öffentliche Schamanen» ausgebildet.

Unter den Zaren als Hexer verfolgt

Dabei gelten Schamanen in Sibirien nicht als Berufsstand, sondern als Gruppe von Auserwählten: Ihre Seelen können im ­Zustand ritueller Ekstase ins ­Jenseits gelangen und dort Gutes für ihre Umgebung bewirken. Meist stammen sie aus einer bestimmten Sippe, sie müssen eine schwere seelische Krise durchleben, die «Schamanenkrankheit», um ihre ekstatischen Kräfte zu gewinnen. Unter den Zaren wurden sie oft als Hexer verfolgt, unter den Kommunisten als Reaktionäre. Jetzt aber tauchen Neo- oder Pseudoschamanen auf, die Durchschnittsmonatsgehälter für ihre Heilrituale kassieren oder nebenher versuchen, in der Staatspartei Einiges Russland Karriere zu machen.

Wie das Portal Baikal Daily berichtet, häufen sich Klagen über burjatische Schamanen, die ihren Kunden erklären, der eigene Zauber sei zu mächtig geraten, bedrohe jetzt deren Gesundheit und gar Leben. Neue Rituale seien nötig, um das Unheil zu bannen. Dafür verlangen die Scharlatane Honorare von umgerechnet 1500 Euro. In Irkutsk nötigte ein Schamane gar eine junge Frau zu Alkohol und Sex, sie hatte gehofft, mit seiner Hilfe einen Studienplatz zu erlangen.

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