Todesurteil für einen Poeten

Der palästinensische Lyriker Ashraf Fayadh ist in Saudi-Arabien zum Tode verurteilt worden. Er gehört zu einer Gruppe, die mit kritischer Kunst das wahhabitische Königreich verändern will.

Michael Wrase
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Der in Saudi-Arabien wegen Abfalls vom Glauben zu Tode verurteile Lyriker Ashraf Fayadh. (Bild: Screenshot)

Der in Saudi-Arabien wegen Abfalls vom Glauben zu Tode verurteile Lyriker Ashraf Fayadh. (Bild: Screenshot)

LIMASSOL/ABHA. Die Stadt Abha liegt im Süden von Saudi-Arabien, am Rande des an den Jemen grenzenden Asir-Gebirges auf 2300 Metern. Die Höhe macht das Klima auch in den heissen Sommermonaten erträglich, was einer der Gründe dafür sein mag, dass sich in der Stadt viele Maler, Fotografen und Schriftsteller angesiedelt haben.

«Am Rande Arabiens»

Unter ihnen ist auch der Lyriker Ashraf Fayadh. Der in Abha geborene Palästinenser gehört zu den Gründungsmitgliedern der saudi-arabischen Künstlergruppe «Edge of Arabia», die von dem britischen Musiker Stephen Stapleton ins Leben gerufen wurde.

«Edge of Arabia» («Am Rande Arabiens») will nicht Kunst um der Kunst willen machen. Die seit zwölf Jahren bestehende Gruppe will sich – mit gebotener Vorsicht – den drängenden Fragen der saudischen Gegenwart stellen, zum Nachdenken anregen, vielleicht auch ein wenig provozieren.

Wie der 35jährige Ashraf Fayadh, der 2008 den Gedichtband «Instructions Within» (Belehrungen für das Innere) veröffentlicht hatte. «Er handelt von mir als palästinensischen Flüchtling, von kulturellen und philosophischen, aber nicht von religiösen Dingen», beschreibt der Poet sein Werk.

Vom Freispruch zur Todesstrafe

Fünf Jahre später wurde Fayadh wegen angeblicher «atheistischer Propaganda» verhaftet und zunächst zu vier Jahren Haft sowie 800 Stockschlägen verurteilt. Ein saudischer Künstler hatte ihn nach einem Streit bei der Religionspolizei angeschwärzt. Der Lyriker ging in Berufung und schien zunächst Erfolg zu haben. Das Urteil wurde aufgehoben. Fayadh kam auf Kaution frei, bis ein anderer Richter ihn wegen des «Abfalls vom rechten Glauben» zum Tode verurteilte. Vor einer Woche ordnete ein saudisches Sharia-Gericht die Hinrichtung des Palästinensers an. Ein Rechtsbeistand wurde ihm verweigert. Fayadh, der von seinem Freund Steven Stapleton als ein «wunderbarer Mensch und eine warmherzige Persönlichkeit» beschrieben wird, hat nun noch 20 Tage Zeit, gegen das Urteil Berufung einzulegen.

«Rache der Religionspolizei»

Warum der plötzliche Sinneswandel der saudischen Justiz? «Es war eine Art Racheaktion der Religionspolizei Mutawi», vermutet die kuwaitische Menschenrechtsaktivistin Mona Kareem. Fayadh habe auf seiner Facebook-Seite das Video einer öffentlichen Auspeitschung eines Mannes durch die Sittenwächter veröffentlicht. Auch seine palästinensische Herkunft könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Formal begründen die Richter das Urteil mit der äusserst fragwürdigen Aussage eines unbekannten Zeugen. Der soll behauptet haben, dass Fayadh den Propheten Mohammed und Saudi-Arabien verunglimpft habe.

Von der Biennale aufs Schafott

Freunde des palästinensischen Lyrikers bestreiten dies. «Ashraf ist ein gläubiger Moslem, kein Atheist», erklärte nicht nur der Fotograf Achmed Mater, der für «Edge of Arabia» eine Bilderserie veröffentlichte, die sich kritisch mit der Bautätigkeit in Mekka auseinandersetzt.

Doch kritische Kunst, wie auch die von Ashraf Fayadh kuratierte Ausstellung «Generation in Waiting», mit der Saudi-Arabien vor zwei Jahren auf der Biennale in Venedig beeindruckte, ist im dem Königreich derzeit unerwünscht. Das Land führt Krieg im Jemen und sieht sich von Iran bedroht.

Gegen das staatliche Morden

138 Menschen wurden seit dem 1. Januar dieses Jahres bereits hingerichtet, 49 mehr als im ganzen Vorjahr – die höchste Zahl seit zehn Jahren. Die saudische Führung betrachte das Abschlagen von Köpfen in erster Linie als ein «Instrument zur Machterhaltung», kritisieren Menschenrechtler. Das barbarische Urteil gegen Ashraf Fayadh demonstriere die Intoleranz der saudischen Staatsmacht gegenüber jenen, welche vom Staat vorgeschriebene religiöse, politische und soziale Ansichten in Frage stellen, sagte Adam Coogle von «Human Rights Watch».

Coogle fordert die Freilassung des palästinensischen Lyrikers und eine grundlegende Reform des Rechtssystems.