Tod einer grauen Eminenz

Das nordkoreanische Regime hat die Hinrichtung des vormals zweitmächtigsten Mannes bestätigt. Diktator Kim Jong Un hat seinem Onkel Jang Song Thaek konterrevolutionäre Umtriebe und ausschweifenden Lebenswandel vorgeworfen.

Walter Brehm
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Das nordkoreanische Regime hat gestern bestätigt: Jang Song Thaek, Onkel von Machthaber Kim Jong Un, ist hingerichtet worden. In asiatischen Kulturen kommt die Familie vor allem anderen; im politischen Machtkampf in Diktaturen ist dem nicht so – auch nicht in asiatischen. Kein Tabubruch, aber eine neue Stufe der Brutalität der nordkoreanischen Erbdiktatur.

Ein Rechtsweg zum Tode des früheren Spitzenfunktionärs wurde nur schludrig konstruiert. Vor Wochenfrist war Jang aus einer Sitzung des Politbüros heraus verhaftet worden, dann öffentlich gedemütigt, aus der Kommunistischen Partei ausgestossen und schliesslich von einem Militärgericht zum Tod verurteilt worden. Die Hinrichtung folgte dem Urteil auf dem Fuss – angeblich am Donnerstag.

Der anscheinend gut unterrichtete Geheimdienst Südkoreas war schneller: Wie bereits von Jangs Entmachtung, hatte er dessen Hinrichtung in Pjöngjang schon Tage vor der offiziellen Bekanntgabe vermeldet.

«Menschlicher Abschaum»

Der Exekution wurde die Mitteilung nachgeschoben, der «Konterrevolutionär» Jang habe seine Verbrechen gestanden. Die Liste der angeblichen Untaten ist lang und mit schlimmsten Beschimpfungen verbunden: «Abscheulicher menschlicher Abschaum, schlimmer als ein Hund» sei Jang Song Thaek gewesen: «Der Verräter hat die Führung unserer Partei, des Staates und des sozialistischen Systems stürzen wollen.» Jang wurde aber nicht nur schwerster politischer Verbrechen beschuldigt. Gleichsam um die Titulierung «menschlicher Abschaum» zu rechtfertigen, soll der ehemalige Mentor Kim Jong Uns auch ein ausschweifendes Leben auf Kosten des Volkes geführt haben: Drogenkonsum, Spielsucht, Verschwendung von Devisen.

So weit die Mittelung aus dem Machtzentrum. Sie verkündet einen staatlich sanktionierten Mord und eine Warnung: «Niemand, auch keiner aus dem innersten Machtzirkel, ist sicher»

China «versteht es nicht»

Undurchsichtig bleibt vorerst auch der wirkliche Hintergrund des Geschehens. Selbst der grosse Bruder des nordkoreanischen Regimes gibt sich konsterniert. «Wir verstehen die Situation nicht», sagte ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. Jang hatte immerhin als Pekings Mann in Pjöngjang gegolten.

Die anscheinend am besten informierte südkoreanische Regierung reagierte besorgt: «Wir werden uns auf alle Eventualitäten vorbereiten», sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Und eine Sprecherin des amerikanischen Aussenamtes erklärte: «Wir verfolgen die extrem brutalen Vorgänge in Nordkorea sehr genau.»

Spekulationen gehen weiter

Derweil dürften international die Spekulationen weitergehen, ob es sich in dem Machtkampf in Pjöngjang um einen wirtschaftspolitischen Richtungsstreit oder «nur» um einen mit extremen Mitteln herbeigeführten Generationenwechsel im Regime handelt. Die Einschätzung, Kim Jong Un sei nun der unumstrittene Alleinherrscher, muss jedenfalls mit Vorsicht genossen werden.

In der Hand des Militärs

Der Jungdiktator hat sich in der Tradition seines Grossvater Kim Il Sung und seines Vaters Kim Jong Il für Repression als wichtigstes Herrschaftsinstrument entschieden und muss sich damit weiter auf denn mächtigen Sicherheitsapparat aus Armee, Geheimdienst und Polizei abstützen.

Die Generäle werden ihren Preis dafür fordern: Weitere Aufrüstung und neue atomare Drohgebärden sind wahrscheinlich. Ebenso wahrscheinlich ist, dass dies einzig auf Kosten der Versorgung der Bevölkerung möglich ist.