Tibets Mönche hüten die Tradition

In der tibetischen Hauptstadt Lhasa ist es gestern zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Mönchen und chinesischen Sicherheitskräften gekommen. Tibeter wollen nicht Fremde im eigenen Land sein.

Eleonore Baumberger
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Die goldenen Dächer des Potala hoch über der Stadt, rot gekleidete Mönche in funktionierenden Klöstern, tibetische Pilger in traditioneller Tracht, die mit Gebetsmühlen und Rosenkränzen den Rundweg um den Jokhang-Tempel begehen. So zeigt sich Tibets Hauptstadt Lhasa äusserlich. Und so wird sie von China der Welt präsentiert, um devisenkräftige Touristen anzulocken.

Tibetische Kultur verdrängt

Das Bild trügt: Unter chinesischer Herrschaft wurden im Laufe der Jahre zahlreiche Klöster zerstört oder geschlossen. Die Zahl der Mönche und Nonnen in den verbleibenden Klöstern ist beschränkt, ihre Aktivitäten werden kontrolliert. Abbildungen des von allen Tibetern hoch verehrten Dalai Lama sind verboten und werden entfernt, sobald sie dennoch auftauchen. Die tibetische Kultur, die von der Religion – einer speziellen Variante des Buddhismus – nicht zu trennen ist, wird mehr und mehr verdrängt durch die «Modernisierung» Tibets.

Überall sind chinesische Schriftzeichen dominanter als die tibetische Schrift, überall wird chinesisch gesprochen. Wer dies nicht will oder nicht kann, hat keine Chance für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz.

Eine chinesische Stadt

Lhasa ist heute eine chinesische Stadt. Die Häuser der Altstadt verschwinden und werden durch hässliche neue Gebäude ersetzt, die dem Klima nicht angepasst sind. Dort wohnen Chinesen, dort betreiben sie ihre gutgehenden Geschäfte. Den Tibetern bleiben Märkte und Kleinhandel.

Der grosse Teil der tief religiösen Bevölkerung scheint sich dennoch mit den chinesischen Herrschern – wenn auch zähneknirschend – arrangiert zu haben. Die Chinesen bauen neue Strassen, eine Eisenbahn, die begehrte Konsumgüter ins Hochland bringt; sie errichten in Lhasa erstmals eine Wasserversorgung sowie Abwasser- und Abfall-Entsorgung; sie bauen Spitäler, in denen mit neuesten Methoden und nach modernen hygienischen Standards behandelt wird; sie richten Schulen ein, die auch tibetischen Kindern eine Chance zu beruflichem Aufstieg geben.

Aber dies alles verdrängt eben auch tibetische Traditionen. Dafür ist allerdings nicht nur die chinesische Politik verantwortlich zu machen, sondern vor allem der westliche Lebensstil, der über China nach Tibet kommt.

Die Hüter der tibetischen Religion und Kultur sind so in erster Linie die immer noch zahlreichen Mönche und Nonnen, die sich furchtlos – und durchaus nicht nur gewaltlos – für ihren Glauben und ihre Traditionen einsetzen. Sie werden denn auch verfolgt, verhaftet und nicht selten für längere Zeit ins Gefängnis gesteckt.

Die chinesischen Herrscher fürchten eine Abspaltung Tibets, wenn sie kulturelle und wirtschaftliche Autonomie gewähren – und sie provozieren damit geradezu den Ruf nach Unabhängigkeit. Chinesische Sicherheitskräfte sind in Tibet allgegenwärtig. Nirgends in ihrem eigenen Land können sich Tibeterinnen und Tibeter vor Kontrollen und Schikanen sicher fühlen. Die Bevölkerung wird systematisch eingeschüchtert. Jedes Aufflackern von Unruhen wird sofort im Keim erstickt.