Tibet – Flucht und Exil

Am 17. März 1959 begann die fast zweiwöchige Flucht des Dalai Lama ins indische Exil. An die 100 000 Tibeterinnen und Tibeter folgten ihm über die Pässe des Himalaja. Einige von ihnen kamen schliesslich in die Schweiz. / Von Eleonore Baumberger

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Auch heute noch fliehen die Menschen aus Tibet über die hohen Pässe des Himalaja, weil sie ihre Religion frei ausüben wollen. Und manche Familien schicken ihre Kinder zur tibetischen Exilgemeinde in Dharamsala, dem Sitz des Dalai Lama, auf dass sie eine Erziehung in tibetischer Sprache, Religion, Kultur und Tradition erhalten. Manuel Bauer, der Winterthurer Fotograf, hat 1995 die sechsjährige Yangdol begleitet. Mit seinen Bildern hat er die Flucht dokumentiert. «Wie bereits Tausende Kinder vor ihr flüchtet sie über den 5716 Meter hohen Nangpa Pass nach Nepal und von dort nach Indien, wo der Dalai Lama im Exil lebt», schreibt Bauer.

Heimatlose

Die Tibeter im Exil sind «Heimatlose», wie der Dalai Lama sagt, aber in Indien, Nepal, den USA und in Europa haben sie ein Zuhause gefunden. Auch in der Schweiz. «Mein Herz gehört auch heute noch Tibet», erzählt Dickie Yangzom Shitsetsang. «Aber unter den aktuellen Umständen kann ich mir nicht vorstellen, dort zu leben.» 1964 kam sie in die Schweiz, 1992 reiste sie erstmals wieder in ihre Heimat. «Tibet ist mir seither fremd.»

Inzwischen sind auch andere Tibeter mit Schweizer Pass zeitweise zurückgekehrt. Der Mönch Khedup Thupten Thokang, seit 1963 in der Schweiz, lebt heute im tibetischen Kloster in Rikon. Schon sieben Mal ist er nach Tibet gereist. Er glaubt nicht, dass er dort «glücklich wäre, obwohl das Leben in Tibet viel besser ist, als ich es immer wieder von meinen Landsleuten hörte. Ich hatte mich auf Schmerz und Leid vorbereitet. Doch alles war anders. In den Strassen wurde Tibetisch gesprochen; die Menschen lebten ihren Glauben».

Diese zwei von zwölf Lebensgeschichten im Buch «Exil Schweiz» zeigen: Wer sich erinnert an die Zeit vor dem Einmarsch der Chinesen 1950, denkt nicht nur an ein Tibet, das es nicht mehr gibt, sondern oft auch an eines, das es so nie gab: ein friedliches Land, wo die Menschen glücklich, frei und harmonisch miteinander lebten.

Das sind Wunschträume und Projektionen. Westliche Zeitzeugen und kritische Autoren wie Colin Goldner zeigen ein anderes Bild: Tibet war bis 1950 eine Feudalgesellschaft, ein Land, in dem die mächtigen Klöster Reichtum anhäuften, die Menschen ausbeuteten und drakonische Strafen für jeglichen Ungehorsam verhängten. Ausserhalb der Klöster gab es weder Schulen noch medizinische Versorgung und unbeschreibbare hygienische Verhältnisse. Die Mönche stemmten sich gegen jegliche Reformen.

Kultur bewahren und reformieren

Vom Standpunkt der Chinesen wurde Tibet 1950 «befreit». China hat Schulen, Spitäler und Strassen gebaut, für bessere hygienische Bedingungen und Lebensumstände gesorgt. Das entschuldigt keineswegs die Menschenrechtsverletzungen, die von den Chinesen in Tibet verübt wurden und werden. Auch für den Besucher wird schnell klar: Tibet ist ein besetztes Land. Die chinesischen Herrscher nehmen in ihren Modernisierungsbestrebungen wenig Rücksicht auf die tibetische Religion, Kultur und Sprache. Lhasa ist eine chinesische Stadt. Die historischen Gebäude, wie der Potala, der Palast des Dalai Lama, sind musterhaft restauriert – aber als Touristenattraktionen. Die tibetische Kultur ist bedroht.

Das liegt nicht allein an den Chinesen. Denn wenn Tibets Kultur überleben will, kann sie nicht das Heil in der Vergangenheit suchen, sondern muss sich öffnen, anpassen, einen eigenständigen Weg der Modernisierung finden. Das ist den Tibetern nicht gelungen. Auch der Dalai Lama, der grossen Einfluss auf seine Landsleute hat, hat sich viel zu wenig darum bemüht.

Aber die Verherrlichung des alten Tibet als «Paradies auf Erden» gegen die «Hölle» der chinesischen Besatzung, das Festhalten am Alten und die Abwehr von Neuem beschleunigen den Niedergang der tibetischen Kultur. Gerade die im Exil lebenden Tibeter können den Menschen in Tibet dabei helfen, die Tradition zu bewahren und die Zukunft zu meistern.

Manuel Bauer: Flucht aus Tibet, 208 S., 89 Duplexfotos, Fr. 48.–; Christian Schmidt und Manuel Bauer: Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht. 12 Lebensgeschichten; 256 S., 118 Fotos, Fr. 44.–, beide Limmat Verlag, Zürich 2009; Colin Goldner: Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2008, 735 S., 34 Euro