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Käuflicher Sex: Frankreich wird ein teures Pflaster für Freier – es drohen Bussen und Entwöhnungskurse

Seinem freizügigen Ruf zum Trotz: Frankreich verfolgt die Freier von Prostituierten mit hohen Bussen. Drei Jahre nach ihrer Einführung wurde die umstrittene Massnahme definitiv abgesegnet.
Stefan Brändle, Paris
Der Park Bois de Boulogne gilt in Paris als Hotspot der Prostitution. (Bild: Getty, 2. September 2018)

Der Park Bois de Boulogne gilt in Paris als Hotspot der Prostitution. (Bild: Getty, 2. September 2018)

Das Geschäft ist an diesem Nachmittag eher flau am Boulevard Saint-Denis. Im gleichnamigen Bistro kratzt eine blond gefärbte Dame an einer Glücksspielkarte namens «Cash» und wartet auf Kundschaft. Zugleich spricht sie in einer slawischen Sprache auf ihren Balkonbusen ein, in den sie ein Handymikrofon geklemmt hat. Französisch versteht sie hingegen nicht. Der Zeitungsverkäufter weiss dafür:

«Auf der Nordseite des Boulevards sind die Rumäninnen. Und auf der anderen Seite die Chinesinnen.»

Letztere stehen zu dritt vor den Schaufenstern einer bekannten Kleiderkette; andere flanieren zwischen den Passanten, wobei sie ihnen diskrete, aber eindeutige Blicke zuwerfen. Ab und zu verschwinden sie um die Ecke. Kurz darauf folgt ein Mann. Unklar ist: Folgte er ihr?

Sicher ist, dass die kleinen, sehr mobilen Frauen aus Fernost auf der Hut sind. Ihr Macker wird ihnen gesagt haben, dass Kunden in Frankreich gebüsst werden, wenn sie von der Polizei in fla­granti beim Dirnenbesuch erwischt werden. Bis zu 1500 Euro Busse setzt es ab, im Wiederholungsfall 3750 Euro. Zudem kann der Richter ein «stage de sensibilisation» anordnen, eine Art Entwöhnungskurs, in dem über die Varianten der modernen Sklaverei aufgeklärt wird.

Staat treibt Steuern ein und bestraft zugleich Kunden

So will es ein Gesetz aus dem Frühjahr 2016. Nach einigen skandinavischen Ländern hat damals auch Frankreich Bussen für Freier eingeführt. Das sei ein Paradigmenwechsel, freute sich die sozialistische Frauenrechtsministerin Najat Valaud-Belkacem damals in der Parlamentsdebatte: Nicht mehr die Prostituierte werde bestraft, sondern der Kunde, der «Sexkäufer».

Die Debatte um das Freier-Gesetz bleibt bis heute hitzig – und sehr grundsätzlich: Feministinnen wollen die Prostitution insgesamt «abschaffen», da sie auf der Macht des zahlenden Mannes über die unterworfene Frau beruhe. 90 Prozent der 37'000 Sexarbeiterinnen in Frankreich sind Ausländerinnen; die meisten reisen über Schleppernetze illegal aus dem Ausland ein und geraten unter die Kontrolle von Zuhältern, die sie in Gewalt und Elend halten.

Die Profidirnen von «Strass», dem französischen «Syndikat der Sexarbeit», bestreiten das nicht. Sie wenden aber ein, es gebe auch «freiwillige» Prostitution ohne Macker. Frankreich benehme sich heuchlerisch: Das horizontale Gewerbe bleibe legal, aber die Ausübung werde bestraft. Der Staat treibe von den Prostituierten Steuern für ihre Arbeit ein, bestrafe aber ihre Kunden.

«Das geht doch nicht», flötet auch Vanessa in der Rue du Ponceau, einer Seitengasse des Saint-Denis-Viertels. Sie sei «une traditionelle», eine von der alten Schule, sagt die nicht mehr ganz taufrische Dame in Leder. Allerdings, fügt sie hinzu, habe die Polizei noch nie einen ihrer Kunden gebüsst. Obwohl das Gesetz schon fast drei Jahre in Kraft ist?

«Die Flics haben es eher auf die Mädchen aus dem Osten abgesehen, weil die im Griff der Mafia sind. Uns angestammte Französinnen lassen sie in Ruhe. Aber das könnte sich mit dem Gerichtsurteil nun auch ändern.»

Gemeint ist der Entscheid des französischen Verfassungshofes von vergangener Woche. Die höchsten Richter des Landes haben die Freiersbussen nach einem jahrelangen Rechtsstreit in letzter Instanz für zulässig erklärt. Mit mehreren Anwälten angetreten, hatte das «Strass» die Aufhebung des Gesetzes verlangt.

Die Prostituierten wurden zudem von der Organisation «Ärzte ohne Grenzen» unterstützt, die sich auf eine Studie der Forscherin Hélène Le Bail stützt. Diese war nach der Befragung von über 500 Sexarbeiterinnen zum Schluss gekommen, dass das Gesetz für die betroffenen Prostituierten eine schädliche Wirkung habe: Es treibe sie in die Hinterzimmer, und die von einer Busse bedrohten Kunden verlangten neuerdings eine «Risikoprämie», die nicht nur fi­nanzieller Natur sei: Sie wollten «harte» Sexpraktiken oder Geschlechtsverkehr ohne Präservativ.

Auf diese Einwände ging das Verfassungsgericht kaum ein; es argumentierte mit einer juristischen Güterabwägung: Die Absicht, gegen ­sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel zu kämpfen, sei ebenso wichtig, wie die Wahrung der persönlichen Freiheit, die die Prostituierten angeführt hätten.

Das Gewerbe weiche nach Belgien oder ins Internet aus

Der Verein Nid («Nest»), der sich sehr konkret für die Rechte papierloser Prostituierter aus Nigeria, China und Osteuropa einsetzt, begrüsste das Urteil. «Wo das Gesetz wirklich angewendet wird, geht die Prostitution zurück», kommentierte er. Das bestätigt Staatsanwalt Guillaume Lescaux in der südöstlich von ­Paris gelegenen Ex-Königsstadt Fontainebleau, wo der berühmte gleichnamige Wald ein bekannter Strichort ist. Obwohl die Polizei nur Bussen von 300 Euro verteile, sei die Prostitution dank dem neuen Gesetz rückläufig. Das «Strass» wendet ein, das Gewerbe weiche nur nach Belgien aus oder via Pornowebseiten in unkontrollierbare Sphären.

Die französische Öffentlichkeit scheint die Freiersbussen akzeptiert zu haben. In einer Umfrage von Januar bezeichneten sie 78 Prozent der Befragten als eine «gute Sache». Der Wunsch der Gesetzesinitiantinnen, das älteste Metier der Welt ganz «abzuschaffen», wie sie sagen, dürfte aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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