TERRORANSCHLAG: Grossbritannien bemüht sich um Normalität

Politiker und Öffentlichkeit in Grossbritannien gedenken der Opfer des Anschlags von Westminster. Premierministerin Theresa May warnt vor übertriebenen Reaktionen.

Sebastian Borger, London
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Sebastian Borger, London

24 Stunden lang, bis in den gestrigen Nachmittag hinein, machten Politik und Medien in London den Eindruck, als folgten sie der Maxime eines prominenten Witwers. Man solle doch, hat Brendan Cox noch kurz nach dem blutigen Terroranschlag von Westminster am Mittwoch gesagt, über «die Liebe und Tapferkeit der Opfer» reden, nicht nur über den Hass des Täters. Der Mann weiss mehr darüber, als ihm lieb ist: Vor neun Monaten, auf dem Höhepunkt des Brexit-Abstimmungskampfes, wurde seine Frau Joanne, eine 41-jährige Labour-Abgeordnete, von einem Rechts­extremen ermordet.

Als gelte es, die Cox-Maxime zu beherzigen, wetteiferten Behördensprecher und Politiker stundenlang um die beste Würdigung der Opfer, vom Täter ist indessen kaum die Rede. Erst als Scotland Yard dessen Umfeld ausgeleuchtet hat, wird der Name freigegeben: Khalid Masood, 52, ein wegen Gewaltdelikten, aber nicht als Terrorist vorbestrafter Brite aus Birmingham, hat bei dem Angriff von Westminster drei Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt. Die Nachrichtenagentur von Daesh/IS bezeichnet ihn als einen «Soldaten des Islamischen Staates».

Vom internationalen Terrorismus inspirierter Einzeltäter

Premierministerin Theresa May fügt in ihrer Regierungserklärung im Unterhaus Erhellendes hinzu: Bei dem Mörder von Westminster handle es sich um einen Einzeltäter, der vom internationalen Terrorismus beeinflusst worden sei. Vor Jahren sei er einmal ins Visier des Inlandsgeheimdienstes MI5 geraten. «Aber er tauchte nicht in aktuellen Sicherheitsanalysen auf.»

Keiner der Redner im Parlament, auch Premierministerin May nicht, verweilt länger bei diesem für die Geheimdienste unerfreulichen Faktum. Der Rädelsführer der Selbstmordattentäter vom Juli 2005, Mohammed Siddique Khan; einer der Mörder des Füsiliers Lee Rigby im Mai 2013; nun der Mehrfachmörder von Westminster – allesamt waren sie britische Muslime, die in den Verdacht der islamistischen Gewaltbereitschaft geraten waren, aber keinen Anlass für dauerhafte Observation gegeben hatten. Auf gut 3000 Gefährder schätzen die Experten die Dschihadistenszene auf der Insel. Wieder ist ihnen, so scheint es, einer durch die Maschen des Fahndungsnetzes gerutscht.

Die Tatwaffe des Westminster-Attentäters weckt Erinnerungen an die Terroranschläge von Nizza und Berlin. Mit einem in Birmingham gemieteten Hyundai-Geländewagen raste Masood am Mittwochnachmittag über die Westminster Bridge auf das Parlament in London zu und lenkte am Südende der Brücke das Fahrzeug auf den Gehsteig. Dort hinterliess er eine Spur der Zerstörung. Von 40 Verletzten berichten die Krankenhäuser am Folgetag. Schulkinder aus der Bretagne sind darunter, Männer und Frauen aus elf Nationen. Zu ihnen zählt Melissa Cochran aus dem US-Bundesstaat Utah. Nicht nur liegt sie mit schweren Verletzungen im Krankenhaus; die Touristin muss auch mit dem Tod ihres Mannes Kurt fertig werden, eines von zwei Todesopfern auf der Brücke. Tödlich verletzt wird auch die aus Spanien stammende Britin Aysha Frade. Die Sprachlehrerin hinterlässt einen Mann und zwei Töchter, acht und elf Jahre. Der Attentäter beendete seine Amokfahrt schliesslich am Parlamentszaun und drang in den Hof des Parlaments ein. Dort stach er den 48-jährigen Polizeibeamten Keith Palmer nieder, ehe ihn drei Schüsse aus einer Polizeipistole selbst tödlich verletzten.

Weiterer Terroranschlag «höchst wahrscheinlich»

«Die Stimme des Bösen und des Hasses vermag uns nicht zu trennen», sagte Premierministerin May. Sie sprach von dem unbewaffneten Polizisten als «Zoll für Zoll ein Held». 15 Jahre lang hat der einstige Berufssoldat im Artillerieregiment für Sicherheit im Parlament gesorgt. Am Mittwochnachmittag wurde er zum dritten und letzten Opfer des Birminghamer Gewalttäters.

Der Öffentlichkeit empfiehlt die Regierungschefin erhöhte Aufmerksamkeit, warnt aber vor allzu übertriebenen Reaktionen. Offizieller Regierungseinschätzung zufolge müsse ein Terroranschlag in Grossbritannien weiterhin als «höchst wahrscheinlich» gelten. Das ist die zweithöchste Gefährdungsstufe. Daran solle sich zum jetzigen Zeitpunkt auch nichts ändern, wie May erklärte: «Wir haben keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden weiteren Anschlag.»

Acht Festnahmen in London und Birmingham

Den Ermittlungen von Scotland Yard zufolge hat der Angreifer seinen Anschlag allein begangen. Auf der Suche nach Kontaktpersonen und Komplizen wurden bis gestern Nachmittag sechs Wohnungen in und um London sowie in Birmingham durchsucht. Acht Männer wurden bei diesen Razzien vorläufig festgenommen.

Tausende Londoner versammelten sich gestern Abend auf dem zentralen Trafalgar Square. Bei Kerzenlicht gedachten sie der Opfer. Brendan Cox führte gestern seine Ein-Mann-Kampagne fort. Der Name des Täters sei ihm herzlich egal, teilte er auf Twitter mit. «Ich werde mich an diesen Namen erinnern: Keith Palmer.» Polizisten riskierten täglich ihr Leben. Cox: «Sie verdienen unsere Unterstützung.»