TERRORAKT: "Die türkische Bevölkerung ist völlig demoralisiert."

Die Türkei und Istanbul kommen nicht zur Ruhe: Am Dienstagabend ist am Flughafen Atatürk ein Terrorakt verübt worden. Es war bereits der siebte Anschlag in diesem Jahr. Unser Auslandkorrespondent Jürgen Gottschlich ist vor Ort und äussert sich zu den Geschehnissen.

Alexandra Pavlovic
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Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich. (Bild: pd)

Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich. (Bild: pd)

Herr Gottschlich, wie haben Sie von den Anschlägen erfahren?
Gottschlich: Ich sass vor dem Fernseher und sah mir die deutschen Nachrichten an, als ich über Twitter vom Anschlag erfahren habe. Kurze Zeit später waren sämtliche türkischen Nachrichtenkanäle voll mit Meldungen. Die Medien versuchten die Bevölkerung trotz der verhängten Nachrichtensperre so gut es geht auf dem Laufenden zu halten.

Wie ist die Lage derzeit?
Gottschlich: Die Menschen hier haben Angst und sind demoralisiert. Man merkt, dass die Bevölkerung langsam genug hat. Es ist bereits der siebte Anschlag in diesem Jahr und viele fragen sich, ob die Terrorakte denn nie aufhören.

Wie geht es Ihnen, haben Sie Angst?
Gottschlich: Angst nicht gerade, aber ein gewisser Respekt ist da.

Konnten Sie schon mit anderen Bewohnern über das Geschehene sprechen?
Gottschlich: Nicht direkt. Aber als ich heute Morgen Zeitung kaufen ging, hörte ich, wie zermürbt die Leute sind. Viele wollen ihr Leben wegen der Attentate zwar nicht einstellen, aber bestimmte Plätze werden nun vermehrt gemieden.

Zum Beispiel?
Gottschlich: Beliebte Ziele im Zentrum wie der Taksim-Platz, der Sultan-Ahmed-Platz, diverse Einkaufsmeilen oder auch diverse historische Viertel. Da die Anschläge alle an öffentlichen Plätzen verübt wurden, fühlen sich die Bewohner in ihren Wohnvierteln noch sicher.

Wie denken Sie wird es weitergehen?
Gottschlich: Die Regierung wird weiterhin versuchen alles zu verharmlosen. Dass die Attentäter angeblich nicht ins Innere des Flughafens eingedrungen sind, ist nur eine Beruhigungstaktik. Meiner Meinung nach geht diese aber nicht auf. Das Ganze muss in politischer Hinsicht gelöst werden. Schon jetzt stehen an vielen Ecken Polizisten und Gendarmerie. Die Regierung wird nicht mit noch mehr Beamten auf den Anschlag antworten. Ich bin besonders gespannt, wie die Regierung auf das kommende Wochenende reagieren wird.

Wieso, was ist so speziell daran?
Gottschlich:Am Samstag beginnen hier in Istanbul die Bajram-Ferien zum Ende des Fastenmonats Ramadan. Was in etwa gleichbedeutend ist, wie Weihnachten für uns Europäer. Da viele Familien für einen Kurzurlaub frei genommen haben, sind diverse Flüge schon seit Monaten ausgebucht. Es könnte nun ein Chaos ausbrechen. Viele haben Angst, dass vielleicht wieder etwas passiert.