Terror in Jerusalemer Synagoge

Vier Juden werden während eines Gebets getötet. Israels Polizei erschiesst zwei palästinensische Attentäter. Premier Netanyahu droht mit «harter Hand» und kritisiert die «Ignoranz der internationalen Gemeinschaft».

Susanne Knaul
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Ein orthodoxer Jude beklagt nach dem Anschlag auf die Synagoge Har Nof in Jerusalem die Opfer der beiden palästinensischen Angreifer. (Bild: ap/Ariel Shalit)

Ein orthodoxer Jude beklagt nach dem Anschlag auf die Synagoge Har Nof in Jerusalem die Opfer der beiden palästinensischen Angreifer. (Bild: ap/Ariel Shalit)

JERUSALEM. Der Sanitäter Avi Nafussi wird den Anblick in der Synagoge Har Nof nie vergessen. Dennoch sagt er vage: «Es war nicht angenehm.» Nafussi wohnt unmittelbar neben dem Gotteshaus , in dem gestern sechs Menschen starben. Der Sanitäter war schon zur Stelle, bevor die Polizei die beiden palästinensischen Angreifer erschoss. Immer wieder zieht er sich auf die beschönigende Beschreibung «nicht angenehm» zurück.

Ein regelrechtes Gemetzel

Armeesprecher Peter Lerner twitterte dagegen Bilder vom Ort des Attentats. Eins davon zeigt ein blutverschmiertes Beil. Es muss ein regelrechtes Gemetzel gewesen sein, das sich in den frühen Morgenstunden unter den ultraorthodoxen Betenden abspielte. «Dies», so twittert ein Palästinenser an den israelischen Polizeisprecher zurück, sei «die Antwort auf den Lynchmord an einem palästinensischen Busfahrer».

Busfahrer tötete sich selber

Am Sonntagabend war der Fahrer kurz vor Beginn seiner Schicht erhängt in seinem Fahrzeug aufgefunden worden. Eine Autopsie, an der auch ein palästinensischer Arzt beteiligt war, ergab, dass der Busfahrer Selbstmord beging. Das Gerücht von einem Mord durch jüdische Extremisten war auf der palästinensischen Strasse dennoch nicht aufzuhalten.

Todesbereite Attentäter

«Wir werden unsere Stadt vor denen schützen, die den Frieden in unserer Hauptstadt stören wollen», erklärte Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat.

Tatsächlich vergeht derzeit in Jerusalem kaum ein Tag ohne einen Anschlag. Die palästinensischen Attentäter agieren mit grosser Bereitschaft zum Freitod. Mit Abschreckung ist ihnen deshalb kaum zu begegnen. Problematisch für den israelischen Sicherheitsapparat ist vor allem, dass es sich um Einzeltäter handelt, die oft im Affekt handeln.

Die beiden Terroristen aus der Synagoge sind Cousins, Mitte 20 und aus dem Ostjerusalemer Viertel Jabel Mukaber. Am Nachmittag kam es dort zu schweren Unruhen, nachdem die Polizei mehrere Familienangehörige der beiden festnahm.

Netanyahu beschuldigt Abbas

Israels Premier Netanyahu beeilte sich, die Hamas und den palästinensischen Präsidenten Abbas zu beschuldigen, dessen Hetze die internationale Gemeinschaft «unverantwortlicherweise ignoriert». Netanyahu kündigte an, mit «harter Hand» auf den seit sechs Jahren schwersten Anschlag in Jerusalem zu reagieren. Yitzhak Aharonowitsch, Minister für öffentliche Sicherheit, fordert eine umfassende Bewaffnung israelischer Zivilisten, damit sie sich besser zur Wehr setzen können.

Shin Bet widerspricht

Tatsächlich verurteilte Abbas jedoch das Attentat und «die Morde an Unschuldigen» gestern sofort. Auch Joram Cohen, Chef des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet, widersprach seinem Regierungschef. Abbas sei an Terror nicht interessiert, erklärte er. Nur die Hamas lobte den Angriff auf eine Synagoge.

Der deutsche Aussenminister Steinmeier mahnte: «Die Überlagerung der zahlreichen ungelösten politischen Fragen mit religiösem Fanatismus gibt dem Konflikt eine neue gefährliche Dimension.»