Terror in Jemen birgt globale Risiken

Im Süden der Arabischen Halbinsel wird die Republik Jemen zwischen Rebellion, Separatismus und Terrorismus zerrieben. Washington und London mobilisieren für eine neue Front im Krieg gegen den Terror. In Somalia werben Al-Shabaab-Islamisten für die neue Jihad-Front.

Walter Brehm
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Separatisten fordern ein «freies Südjemen», während die Regierung im Norden von Schiiten und im Osten von Al Qaida bedrängt wird. (Bild: ap)

Separatisten fordern ein «freies Südjemen», während die Regierung im Norden von Schiiten und im Osten von Al Qaida bedrängt wird. (Bild: ap)

Ein zerfallender Staat ist guter Boden für den globalen Jihad der Al Qaida. Afghanistan, die Stammesregionen in Westpakistan und Somalia sind Beleg hierfür. In Somalia fühlt sich die jihadistische Miliz al-Shabaab im Machtkampf mit rivalisierenden Islamisten und Clans stark genug, um Kämpfer für den Jihad in Jemen zu mobilisieren.

Aber die Republik an der Südspitze der Arabischen Halbinsel wird nicht nur durch die Präsenz des Terrornetzwerkes destabilisiert.

Jedes Jahr überqueren über 50 000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Somalia den Golf von Aden und stranden an den Küsten Jemens.

Jemenitische Gräben

Im Norden des Landes ist zudem im Grenzgebiet zu Saudi-Arabien die schiitische Volksgruppe der Houthi im Aufstand gegen die Zentralregierung in Sanaa, und im Süden haben Separatisten ihre alte Liebe zur früheren Teilrepublik Südjemen wiederentdeckt. Sie wollen das erst 1990 wiedervereinte Land erneut spalten.

Im Kalten Krieg hatte sich im Süden ein linksextremes Regime zwar als Teil des inzwischen zerfallenen Weltreiches des real existierenden Sozialismus verstanden. Tatsächlich aber war im Süden während der britischen Kolonialisation eine eher säkulare Gesellschaft entstanden als im royalistischen Norden, welcher einer älteren Tradition naheblieb – der zaidistischen Ausprägung des schiitischen Islam.

Wirtschaftlicher Zerfall

Die wirtschaftliche Lage Jemens akzentuiert die inneren Widersprüche des Landes. Die Ölvorräte gehen zur Neige, die Wasserversorgung wird immer prekärer. Jemen ist mit etwa 24 Millionen Menschen stark überbevölkert. 1994 waren es noch geschätzte 13 Millionen. Religiös und ideologisch überlagert, streiten ländliche Clans um Wasser und Land – Weide- und Ackerland, das wiederum Wasser braucht.

Die fossilen Speicher Sanaas sind nahezu leer gepumpt, die Hauptstadt wird bald ohne Trinkwasser sein. Die städtischen Eliten liegen sich zudem wegen schwindender Öl-Erträge in den Haaren. Noch finanziert das schwarze Gold 70 Prozent des Staatshaushaltes.

Schlechte Zukunftsaussichten für eine immer jünger werdende Gesellschaft. Laut dem Soziologen Gunnar Heinsohn kommen in Jemen auf 1000 Männer im Alter zwischen 40 und 44 Jahren 5950 Knaben bis vier Jahre. Hunderttausende wachsen ohne Bildung und wirtschaftliche Perspektive auf.

Gefahr lange verdrängt

Es gibt kaum fruchtbareren Boden für die Radikalisierung junger Menschen als die Mischung aus Hoffnungslosigkeit und den Paradies-Versprechungen der Jihadisten. Die USA haben diese gefährliche Gemengelage in Jemen fast ein Jahrzehnt lang kaum beachtet. Dies ist schon deshalb erstaunlich, weil bereits 1990, also vor 9/11, ein Terrorkommando aus Jemen im Golf von Aden das Kriegsschiff «USS Cole» angegriffen und 17 Matrosen getötet hatte.

Wachsende Unterstützung

Nun aber entdeckt die amerikanische Öffentlichkeit entsetzt, dass ihre Medien, ihre Geheimdienste und ihr früherer Präsident George W. Bush während des umstrittenen Irak-Krieges das Erstarken der Al Qaida in Jemen verdrängt oder verschlafen haben. Während der jemenitische Aussenminister Abu al-Kirbi die Zahl der Al-Qaida-Extremisten im Land auf 500 schätzt, gehen westliche Geheimdienste bei steigender Tendenz von etwa 1500 aus.

Kahlil al-Anani, politischer Analyst des Al-Ahram-Zentrums für strategische Studien in Kairo, erklärt die Entwicklung so: «Al Qaida geniesst in Jemen und Somalia wachsende Zustimmung aus mit den Regierungen im Streit liegenden Clans und aus einer wachsenden Schicht verarmter Bevölkerung.» Diese Entwicklung kann weitreichende Folgen über die Arabische Halbinsel hinaus haben.

• Für die USA wird die Schliessung des Gefangenenlagers Guantánamo immer schwieriger. Mindestens zwei der heutigen Al-Qaida-Kader in Jemen sind nach der Freilassung aus Guantánamo zu ihren Positionen gekommen.

• Auch wenn Obama keine offene Militärintervention in Jemen plant, sind bereits Spezialeinheiten an dieser dritten Front nach Afghanistan und Irak im Einsatz. Der finanzielle Spielraum für innenpolitische Reformen könnte sich weiter verkleinern.

• Dem US-Präsidenten droht jedoch auch aussenpolitisch eine Zwickmühle. Nicht nur Saudi-Arabien fürchtet als Alliierter der USA neuen Terror. Auch Ägypten, dessen Unterstützung Washington im Nahostkonflikt dringend braucht, fürchtet Angriffe der Jihadisten – vor allem gegen westliche Firmen und Botschaften.

• Somalia könnte seine Nachbarstaaten vermehrt nicht nur mit wachsenden Flüchtlingsströmen, sondern auch mit dem Export des Jihadismus destabilisieren.

Unabsehbare Folgen

Der Westen und vor allem die USA müssen sich vermehrt auf Terroraktionen gefasst machen, die nicht nur ihre Bürger bedrohen, sondern auch eine zunehmende Verstrickung in die innenpolitischen Spannungen arabischer Staaten zur Folge haben könnten.

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