Terror gegen Roma – Polizei kommt meist zu spät

In Ungarn nimmt die Bedrohung der Roma durch neofaschistische Banden dramatisch zu. Gestern entstand Verwirrung um die Evakuation von knapp 300 Roma-Frauen und -Kindern aus einem von Rechtsradikalen bedrängten Dorf.

Rudolf Gruber
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wien. Seit Wochen belagern glatzköpfige Männer in Schwarzhemden und Springerstiefeln das Dorf Gyöngöspata, etwa 100 Kilometer östlich von Budapest tief in der Puszta. «Kontrollposten» der neonazistischen Bande «Szebb Jövöert» («Für eine schöne Zukunft») schikanieren die Roma durch Anhalten, mit Drohgebärden, Beschimpfungen und Gewalt.

Umstrittener Vorfall

In den letzten Jahren wurden in Ungarn acht Roma von Rechtsextremisten getötet. Gegen mehrere Täter läuft jetzt das Strafverfahren. Gestern marschierten Männer einer anderen Truppe namens «Vederö» («Wehrkraft») in Gyöngöspata auf, wo sie über die Osterfeiertage ein «Trainingscamp» abhalten wollen. Das ist eine zynische Umschreibung für Terror gegen die Roma-Gemeinde, die Teilnehmer wurden von den Organisatoren aufgefordert, uniformiert und mit Gummigeschosswaffen zu erscheinen.

«Wir haben das Rote Kreuz alarmiert, um uns zu helfen, Frauen und Kinder zu evakuieren», sagte Aladar Horvath, Vorsitzender der Bürgerinitiative «Zivilrechte für Roma». 276 Frauen und Kinder wurden in Bussen in ein Ferienlager bei Budapest gefahren. Die Männer blieben zurück.

Ungarns Regierungssprecher Szijjarto bestritt diese Darstellung und sagte, die Aktion des Roten Kreuzes sei nicht wegen einer «Notsituation» durchgeführt worden. Es handle sich um einen länger geplanten «Ausflug» über das Osterwochenende. Erik Selymes, Geschäftsführer des Ungarischen Roten Kreuzes, bestätigte diese Darstellung. Die Roma in Gyöngöspata hätten sich ans Rote Kreuz mit der Bitte gewandt, ein Ferienlager zu organisieren.

Das ändert freilich nichts an der Tatsache, dass «Verdö» dieses Camp durchführt. Später ging die Polizei dagegen vor und nahm mehrere Teilnehmer fest, wegen «Rowdytums», wie Innenminister Pinter erklärte. Er war am Abend nach Gyöngöspata gereist.

Drohung mit Bürgerwehren

Nach dem Verbot der «Ungarischen Garde» 2010 kehren die Schwarzhemden in kleineren Gruppen wieder. Politischer Arm dieser Schlägertrupps ist die sogenannte Ungarnpartei «Jobbik» («Die Besseren»), die mit 46 Sitzen im Parlament vertreten ist. Deren Vorsitzender, der 32jährige Gabor Vona, früher auch Chef der «Magyar Garda», drohte im Parlament: «Wenn nötig, werden wir eine Bürgerwehr für das ganze Land, in jedem Dorf organisieren.»

Gerechtfertigt werden die Aufmärsche und Belagerungen mit der angeblich ausser Kontrolle geratenen «Zigeuner-Kriminalität». Die Trupps werden meist von Bürgermeistern angefordert, die sich von der Polizei im Stich gelassen fühlen. Bewohner beschweren sich über Diebstähle durch Roma. Wie viel davon wahr ist und wie viel nur Propaganda, ist schwer festzustellen. Jedenfalls bleibt die Polizei meist entweder untätig oder kommt immer zu spät.