Tauwetter zwischen Papst und Grossimam

ROM. Im Vatikan ist gestern der Grossimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Sheikh Ahmed al-Tayyib, vom Papst empfangen worden. Es war das erste Mal, dass ein Grossimam der wichtigsten Hochschule des sunnitischen Islam mit einem Papst zusammentraf.

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ROM. Im Vatikan ist gestern der Grossimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Sheikh Ahmed al-Tayyib, vom Papst empfangen worden. Es war das erste Mal, dass ein Grossimam der wichtigsten Hochschule des sunnitischen Islam mit einem Papst zusammentraf. Das ist umso bedeutender, als zwischen Kairo und dem Vatikan zuletzt Eiszeit geherrscht hatte. 2011 hatte die Al-Azhar-Universität den Dialog mit dem Heiligen Stuhl abgebrochen, nachdem Papst Benedikt einen Terroranschlag auf eine koptische Kirche in Alessandria als «feige Geste des Todes» bezeichnet und einen besseren Schutz der christlichen Minderheit in Ägypten gefordert hatte.

Zwei besonnene Köpfe

«Unser heutiges Treffen ist eine Botschaft», sagte der Papst. Ansonsten ist von der 25minütigen Unterredung kaum etwas öffentlich geworden. Laut einer Mitteilung aus dem Vatikan wurde die Wichtigkeit des Dialogs zwischen den Religionen unterstrichen. Die beiden Religionsführer hätten über den Einsatz für den Frieden in der Welt gesprochen; sie seien sich einig gewesen «in der Ablehnung von Gewalt und Terrorismus». Ein weiteres Thema sei die missliche Lage der Christen in den Konflikten im Nahen Osten gewesen.

Sheikh Ahmed al-Tayyib gilt als gemässigter und besonnener Vertreter des Islam. Anlässlich einer Konferenz in Florenz erklärte er in einem Interview, es bestehe eine «vollkommene Übereinstimmung» zwischen den Zielen der von ihm geleiteten Universität und dem neuen Kurs unter Papst Franziskus. Er sei «eine Person, die in ihrem Herzen den Respekt für andere Religionen und für die Probleme der Armen» trage. Gestern erklärte der Grossimam in einer Stellungnahme, beim Treffen mit dem Papst sei es ihm darum gegangen, die durch Terrorgruppen verursachten «Missverständnisse» über den Islam auszuräumen und gleichzeitig die Moslems in den westlichen Staaten zu ermutigen, sich in diese Gesellschaften zu integrieren.

«Kontakt wieder aufnehmen»

Das Treffen sei «ein Schritt, um den Kontakt zu einem der grössten Bildungszentren des Islam wieder aufzunehmen», sagte der ägyptische Jesuitenpater Samir Khalil Samir, Dozent für Islamwissenschaft am Päpstlichen Orientalischen Institut, in Radio Vatikan. Die islamische Welt erlebe ihre vielleicht tiefste Krise der letzten Jahrzehnte. Das Treffen von Franziskus mit dem Grossimam sei deshalb von grosser Bedeutung. Die Al-Azhar-Universität lehnt eine wörtliche Koran-Auslegung, wo es um Gewaltanwendung geht, ab. (str)