Strassburg: Täter weiter auf der Flucht

Inmitten der Gelbwesten-Krise wurde Frankreich von einer Terrorattacke heimgesucht. Die Unsicherheit über das Tatmotiv der Schiesserei in Strassburg heizt die wildesten Komplotttheorien an.

Stefan Brändle, Paris
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Rund 600 Polizisten und Soldaten suchten am Mittwoch nach dem mutmasslichen Attentäter vom Strassburger Weihnachtsmarkt. Bild: Thomas Lohnes/Getty (Strassburg, 12. Dezember 2018)

Rund 600 Polizisten und Soldaten suchten am Mittwoch nach dem mutmasslichen Attentäter vom Strassburger Weihnachtsmarkt. Bild: Thomas Lohnes/Getty (Strassburg, 12. Dezember 2018)

In Frankreich herrscht wieder «Dringlichkeit Attentat»: Diese höchste Alarmstufe erreichte das Antiterrordispositiv Vigipirate am Mittwoch wie schon bei den schweren Terroranschlägen von 2015. 600 Polizisten fahndeten fieberhaft nach Chérif C., einem radikalisierten Schwerkriminellen, der am Vorabend in Strassburg zwei Passanten erschossen und 14 verletzt hatte. Der polizeilich Gesuchte hatte laut Augenzeugen an drei Orten in der Altstadt von Strassburg mit einer Pistole das Feuer gezielt auf Fussgänger eröffnet.

Ein Kellner erzählte, seine Kunden hätten sich im Innern des Restaurants verschanzt und auf den Boden gelegt, während der Täter in der Gasse auf Passanten angelegt habe. Am dritten Schauplatz wurde der Angreifer von einer Militärpatrouille gestellt und offenbar verletzt. Das berichtete jedenfalls ein Taxifahrer, den der Schütze als Fluchthelfer benützte. Später verlor sich seine Spur.

Festnahmeversuch könnte Attentat ausgelöst haben

Staatsanwalt Rémy Heitz erklärte, es werde wegen Mordes «durch eine terroristische Unternehmung» ermittelt, da der Täter «Allah Akbar» gerufen habe. Laut Pariser Medien hatte der Gesuchte im Gefängnis eine «radikale religiöse Praxis» an den Tag gelegt. Auch figuriert er seit 2016 wegen islamistischer Kontakte in der sogenannten S-Kartei, deren erster Buchstabe für «sûreté» (Staatssicherheit) steht.

Der 29-jährige im Elsass aufgewachsene Franzose hat schon mehrere Haftstrafen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz abgesessen. Am Dienstagmorgen wollte ihn die Polizei an seiner Strassburger Wohnadresse festnehmen, weil er im vergangenen Sommer bei einem Überfall eine Person getötet haben soll. Die Polizisten fanden in seiner Wohnung zwar Granaten und Handfeuerwaffen, nicht aber den Gesuchten. C. trat gegen 20 Uhr in Aktion, indem er in der Altstadt an drei verschiedenen Orten auf Passanten schoss und sie mit einem Messer angriff. Ermittler schliessen nicht aus, dass der Festnahmeversuch den Täter bewogen haben könnte, bestehende Attentatsideen in die Tat umzusetzen. Nach ersten ­Erkenntnissen handelte C. allein. Dass er nicht gleich gestellt werden konnte, veranlasste die Polizei allerdings, die Fahndung auf mögliche Komplizen auszudehnen. Der Staatssekretär für Inneres, Laurent Nuñez, will nicht ausschliessen, dass sich der Todesschütze über die Landesgrenze ins nahe Deutschland abgesetzt haben könnte – wo er im Laufe seiner kriminellen Laufbahn schon aktiv gewesen war.

Geschäfte blieben geschlossen

In der elsässischen Metropole Strassburg kam das öffentliche Leben fahndungsbedingt weitgehend zum Erliegen. Schulen und Geschäfte blieben ebenso geschlossen wie der über 400 Jahre alte Weihnachtsmarkt, in dessen Nähe die Todesschüsse erfolgt waren.

Landesweit fällt die Schiesserei in die gespannte Atmosphäre der Gelbwesten-Proteste. «Auch das noch!», lautete ein Internetkommentar zu dieser wochenlangen Sozialkrise. Die Schiesserei erfolgte nur einen Tag, nachdem Präsident Emmanuel Macron unter Druck neue Konzessionen an die «gilets jaunes» angekündigt hatte. Seine Hoffnung, die Protestbewegung mit einem Fernsehauftritt zu beenden, haben sich allerdings zerschlagen.

Demonstration am Samstag weiter geplant

Mehrere Minister und andere Politiker forderten die Gelbwesten am Mittwoch auf, ihre Proteste einzustellen oder zumindest zu ­suspendieren. Dagegen fehlte es nicht an – völlig unbelegten – Kommentaren in den sozialen Medien, die Regierung habe das Attentat selber organisiert. Regierungssprecher zeigten sich entrüstet über die haltlosen Komplotttheorien und riefen zu einer «würdevolleren» Reaktion auf die Todesfälle in Strassburg auf.

Objektiv betrachtet könnten die Vorgänge in Strassburg durchaus Folgen an der Sozialfront ­haben. Politische Beobachter meinen, dass das Attentat, wie auch immer es motiviert ist, der Aufbruchstimmung der Gelbwesten einen Dämpfer versetzen könnte. Ob es sich auf die Gewaltbereitschaft der Pariser Demonstranten am kommenden Samstag auswirken wird, muss sich weisen. Die Polizei sucht bis dahin intensiv nach dem entflohenen Attentäter.