Taliban-Chef Mullah Omar angeblich tot

Die afghanische Regierung und der Geheimdienst haben gestern den Emir der afghanischen Taliban-Islamisten für tot erklärt. Er soll bereits vor zwei Jahren in Pakistan gestorben sein. Bestätigt haben die Taliban diese Meldung zunächst nicht.

Willi Germund
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JAFFNA/KABUL. Zwei Tage vor der für morgen angesetzten dritten Gesprächsrunde zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung erklärten Vertreter Kabuls, dass der Gründer und Chef der islamistischen Milizen, Mullah Omar, im April 2013 gestorben sei. Gerüchte kursierten bereits seit Monaten. Aber die Jihadisten wollten die Behauptung bislang nicht bestätigen. Quellen in Pakistan meldeten gestern, Omar sei in einem Spital in Karachi an Tuberkulose gestorben.

Interne Streitigkeiten

Ein in Kabul stationierter Geheimdienstmitarbeiter eines bestens informierten asiatischen Landes, der noch im April den angeblichen Tod Omars dementierte, sagte gestern gegenüber dieser Zeitung: «Wir haben keine Bestätigung. Aber es kann sein, dass sie ihn diesmal wirklich sterben lassen.» Er spielte damit auf einen internen Zwist bei den Taliban an. Omar mag seit nahezu 20 Jahren den Titel «Amir al Monimeen» («Führer aller Gläubigen») tragen, aber während der letzten Monate häuften sich Indizien, die auf die Zerrissenheit der Milizen hinweisen. Entzündet hat sich der Streit an der Frage nach Verhandlungen mit der Regierung über eine politische Lösung ihres Konflikts.

Ursprünglich stammt die Behauptung vom Tod des TalibanChefs von der Gruppe Fidayee Mahaz. Deren Führer Mullah Aktar Mohammed Mansoor erhebt Anspruch auf die Nachfolge Omars. Dieser gründete die dogmatischen und disziplinierten Milizen 1994 in Kandahar nach Jahren chaotischer und blutiger Fraktionskämpfe unter den früheren Widerstandskämpfern gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan.

Vor ein paar Tagen berichtete dann der pakistanische Journalist Rahimullah Yousufzai, ein intimer Kenner der Taliban und früherer Kontaktmann von Mullah Omar in der pakistanischen Stadt Peshawar: «Sollte sich der Tod von Mullah Omar bestätigen, wollen die Gegner Mansoors statt seiner den ältesten, 26jährigen Sohn des TalibanGründers Mullah Omar zum Nachfolger küren.» Der Sohn besuchte wie sein Vater eine bekannte Koranschule in der pakistanischen Hafenstadt Karachi.

Kommt hinzu, dass unter den Taliban ein Streit tobt, wie eng man mit dem bisherigen «Ziehvater» Pakistan kooperieren soll.

Armee hat grosse Probleme

Die USA haben 2001 eine Belohnung von zehn Millionen Dollar auf Omar ausgesetzt. Er war US-Truppen nach dem Einmarsch in Afghanistan auf einem Motorrad entwischt. Seither trat er nie öffentlich auf; sein Versteck wurde in Pakistan vermutet, in Quetta oder Karachi.

Zum Ende des Ramadan hatte angeblich Omar in einer schriftlichen Botschaft erklärt, Gespräche mit Kabul und den USA seien im Rahmen des «Heiligen Kriegs» erlaubt. Stammte sie tatsächlich von ihm, wäre die Botschaft ein Affront gegenüber den Milizenkommandanten, die einen militärischen Triumph anstreben. Sie verweisen auf die Erfolge seit dem weitgehenden Abzug der Nato vom Hindukusch am 31. Dezember 2014.

In diesem Jahr wurden bereits 4100 Soldaten bei Kämpfen getötet, 7800 verletzt. Die Verluste liegen um 50 Prozent höher als letztes Jahr. Damals bezeichnete ein US-General diese als «nicht aushaltbar». Zudem soll die Zahl der Desertionen so stark angestiegen sein, dass manche Soldaten acht Monate in Konfliktgebieten bleiben mussten. Nur die etwa 30 000 Mann starken Spezialeinheiten Afghanistans sind in der Lage, den Taliban-Milizen Paroli zu bieten. Die Lage verschlimmerte sich unter anderem, weil die USA die Satellitenüberwachung der Grenze zu Pakistan einstellten, über die viele Taliban-Kämpfer kommen.

Gespräche torpediert?

Der Schwerpunkt des Kriegs verlagerte sich inzwischen in den Nordosten des Landes. Dort kämpfen viele zentralasiatische Kämpfer, die sich als Anhänger des «Islamischen Staats» ausgeben und im vergangenen Jahr von Pakistan aus der Waziristan-Region vertrieben wurden.

Es ist schleierhaft, welchen Nutzen sich die Regierung und Sicherheitskreise in Kabul nun von der Mitteilung von Omars Tod kurz vor den für morgen angesetzten Gesprächen mit den Taliban versprechen. Sicher ist, dass auch Teile des afghanischen Sicherheitsapparats nichts von Verhandlungen halten.