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SYRIEN: Zwangsvertreibung oder Bombentod

Die von Russlands Präsident Wladimir Putin angekündigte Waffenpause hat nicht lange gehalten. Für ihre Verletzung machen sich die Kampfparteien gegenseitig verantwortlich. Derweil sind mutmassliche Missbrauchsfälle durch UN-Helfer bekannt geworden.
Michael Wrase, Abu Dhabi
Nach einem mutmasslichen Giftgasanschlag wird ein Kind medizinisch versorgt. (Bild: Mohammed Badra/Keystone (Shifunieh/Ost-Ghuta, 25. Februar 2018))

Nach einem mutmasslichen Giftgasanschlag wird ein Kind medizinisch versorgt. (Bild: Mohammed Badra/Keystone (Shifunieh/Ost-Ghuta, 25. Februar 2018))

Michael Wrase, Abu Dhabi

Die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin «angeordnete» Waffenruhe für die vor den Toren der syrischen Hauptstadt gelegene Ost-Ghuta währte nur 30 Minuten. Schon um 9.30 Uhr Ortszeit meldete das Damaszener Staatsfernsehen, «Terrorgruppen» hätten fünf Granaten auf einen «humanitären Korridor» bei Rafidain gefeuert, durch den Zivilisten die belagerte Region bei Damaskus verlassen sollten. Gemeint war die islamistische «Armee des Islam», welche die Anschuldigungen sofort zurückwies und ihrerseits die Assad-Armee beschuldigte, mindestens zwei Fassbomben aus Hubschraubern abgeworfen zu haben.

Überprüfen lassen sich diese gegenseitigen Vorwürfe nicht. Wie schon in Aleppo vor 16 Monaten haben auch die Aufständischen in der Ost-Ghuta kein Interesse an einer von Moskau vorgeschlagenen Evakuierung der Zivilisten. Und zwar aus mehreren Gründen: Ohne Zivilisten hätte das Regime endgültig «freie Schussbahn». Die Aufständischen hätten zudem Schwierigkeiten, ihren Widerstand fortzusetzen, wenn jetzt auch Mechaniker, Bäcker und andere zentrale Berufsgruppen sowie womöglich sogar ihre Angehörigen aus der Ost-Ghuta fliehen würden.

Rebellen interpretieren Flucht als «Verrat»

Was das Regime anstrebe, sei nichts anderes als eine «Zwangsvertreibung», empörte sich gestern der lokale Verwaltungsrat in der belagerten Region. Nach der von Putin vorgeschlagenen Feuerpause hätten die Menschen nur noch die Wahl, im Bombenhagel zu sterben oder ihr Land zu verlassen. Dass eine Flucht von Zivilisten von den Rebellen als Feigheit sowie «Verrat am Widerstand» interpretiert wird, sagte der Ratsherr indes nicht.

Rein theoretisch hätten die auf zwischen 300 000 und 400 000 geschätzten Einwohner der Ost-Ghuta gestern fünf Stunden Zeit gehabt, ihre bereits seit 2013 eingekesselte Heimat zu verlassen. Trotz des massiven Leidensdrucks dürfte es vermutlich kaum jemand versucht haben. Denn wer die Ost-Ghuta einmal verlassen hat, wird vom Regime meist umgehend in die Provinz Idlib zwangsevakuiert. Dort toben ebenfalls heftige Gefechte zwischen Rebellen und den Truppen des Regimes.

Während die Bombardements in Syrien weitergehen, ist ein weiterer mutmasslicher Missbrauchsskandal bekannt geworden, in den Entwicklungshelfer verwickelt sein sollen, die mit den Vereinten Nationen kooperieren. Wie die BBC gestern berichtete, sollen Helfer in Syrien über Jahre Frauen sexuell ausgebeutet haben. Unter Berufung auf mehrere Entwicklungshelfer in Syrien berichtete der britische Sender, Männer hätten Lebensmittel und Hilfsgüter nur gegen «sexuelle Gefälligkeiten» verteilt. Die Fälle sollen so umfangreich gewesen sein, dass einige syrische Frauen aus Angst vor sexuellem Missbrauch und vor gesellschaftlicher Ächtung gar nicht mehr zu den Lebensmittelausgabestellen von Hilfsorganisationen kamen. Die UNO bestreitet laut BBC, Kenntnis von solchem Fehlverhalten zu haben.

Vor allem Kriegswitwen und junge Frauen gefährdet

Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht. Unter dem Titel «Voices of Syria» hat der Bevölkerungsfonds der UNO (UNFPA) bereits im Herbst einen Bericht veröffentlicht, in dem einige betroffene Frauen zu Wort kommen. «Sexuelle Ausbeutung durch Helfer bei Verteilaktionen wird häufig von Betroffenen berichtet», heisst es in dem Bericht. «Je mehr ein Mädchen dem Verteiler gibt, desto mehr Hilfe bekommt sie», zitiert der Bericht eine Syrerin. Bei den Betroffenen handelt es sich offenbar in vielen Fällen um Frauen, die nach dem Tod ihres Ehegatten auf dem Schlachtfeld allein leben und «keine männlichen Beschützer» mehr haben oder sich alleine auf der Flucht befinden. Auch junge Frauen sind demnach besonders gefährdet.

Erst Anfang Monat waren ähnliche Missbrauchsfälle unter anderem bei den Hilfsorganisationen Oxfam, Ärzte ohne Grenzen sowie dem International Res­cue Committee (IRC) bekannt geworden. Einige der Täter sollen daraufhin entlassen worden sein. Landeskenner halten die nun aus Syrien bekannt gewordenen Fälle nur für die Spitze des Eisbergs. Die meisten syrischen Frauen, von denen sexuelle Gefälligkeiten, aus welchen Gründen auch immer, verlangt worden seien, schwiegen aus Scham sowie Angst vor neuen Übergriffen, heisst es.

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