SYRIEN: Vorwürfe an US-Armee

Bei einem amerikanischen Luftangriff bei Aleppo kamen fast 50 Menschen ums Leben. Es sollen friedliche Gläubige gewesen sein, was die USA bestreitet.

Michael Wrase, Limassol
Drucken
Teilen
Das von den Luftangriffen zerstörte Gebäude. (Bild: Ibrahim Ebu Leys/Getty (Al-Dschineh, 17. März 2017))

Das von den Luftangriffen zerstörte Gebäude. (Bild: Ibrahim Ebu Leys/Getty (Al-Dschineh, 17. März 2017))

Michael Wrase, Limassol

Syrische Oppositionsaktivisten beschuldigen die amerikanische Luftwaffe, am späten Donnerstagabend eine Moschee in der westlich von Aleppo gelegenen Ortschaft Al-Dschinnah bombardiert zu haben. Zum Zeitpunkt des Angriffs hätten sich 300 Gläubige zum Gebet versammelt. 50 von ihnen seien ums Leben gekommen, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

«Der Beobachter», bei dem es sich um den ehemaligen syrischen Textilkaufmann Osama Suleiman handelt, sitzt im britischen Coventry. Seine Informationen, die von den meisten internationalen Nachrichtenagenturen häufig für bare Münze genommen werden, ­erhält er nach eigenen Angaben von einem Netzwerk aus 200 oppositionsnahen Aktivisten.

Den Vorwurf der fahrlässigen oder gar vorsätzlichen Tötung wollten die USA nicht auf sich ­sitzen lassen. Nur zwei Stunden nachdem lokale Medien «über ein neues Massaker bei Aleppo» berichtet hatten, meldete das US-Zentralkommando einen Luftangriff auf «ein Gebäude», in dem sich Mitglieder des Terrornetzwerkes Al-Kaida getroffen hätten. Das Gebäude hätte sich 15 Meter von der Moschee befunden und sei zerstört worden. Die Moschee stünde dagegen noch immer, was auch Satellitenaufnahmen beweisen würden.

Auch Oppositionsaktivisten haben inzwischen zugegeben, dass der Gebetsraum der Moschee noch intakt ist. Getroffen worden und zerstört sei ein Versammlungsraum, der ebenfalls zur Moschee gehöre. Dass es sich bei den Betreibern der Moschee um die mit Al-Kaida liierte Extremistenallianz Hayat Tahrir al-Sham (Komitee zur Befreiung der Levante) handelt, ist unbestritten. Zu den «Veranstaltungen» der Gruppe gehören keinesfalls nur die regelmässigen Gebete, sondern auch diverse ideologische Schulungen. Ausserdem ist es üblich, dass Dschihadisten in Moscheen bzw. den angegliederten Gebäudekomplexen ihre Militäroperationen planen sowie Strategiegespräche führen. Diese wurden in der Vergangenheit schon häufig durch Luftangriffe beendet, bei denen auch so­genannte «Kollateralschäden» (also zivile Opfer) zu beklagen waren.

US-Militärsprecher erklärten gestern, dass man die Luftangriffe auf Al-Dschinnah untersuchen werde. Bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse, auf die oft Monate gewartet werden muss, dürften die Amerikaner an ihrer Darstellung der Angriffe vom Donnerstagabend festhalten. Der syrische Kaida-Ableger wird das ­angebliche «Massaker» propagandistisch ausschlachten. Es gilt als sicher, dass die Dschihadisten-Allianz neue Anhänger und damit weiter an Stärke gewinnen wird.

Vor einer Woche zur Terrororganisation erklärt

Erst vor einer Woche hatte das US-State-Departement das Anfang Januar gegründete Komitee zur Befreiung der Levante sowie alle mit dem Kaida-Ableger verbündete Gruppen zu Terrororganisationen erklärt. Bei dem «Befreiungskomitee», hiess es in der amerikanischen Erklärung wörtlich, handele sich um «Parasiten im Körper der Revolutionen».

Ziel der Gruppierung sei die «Verführung und Täuschung» des syrischen Volkes sowie die «Einverleibung des Volksaufstandes. Die USA betrachten das Befreiungskomitee daher «als Terrororganisation, welche zerstört werden muss», endet die Erklärung des State-Departments.