SYRIEN: Sicherheitsexperte zu Trumps Säbelrasseln im Syrien-Konflikt: "Die Russen werden vorsichtig agieren"

US-Präsident Donald Trump droht auf Twitter mit einem Raketenangriff auf Syrien. ETH-Sicherheitsexperte Mauro Mantovani erklärt, warum er ein solches Eingreifen für sehr realistisch hält und warum es wohl zu keiner direkten Konfrontation zwischen Russland und den USA kommen wird.

Christof Krapf
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ETH-Sicherheitsexperte Mauro Mantovani. (Bild: PD)

ETH-Sicherheitsexperte Mauro Mantovani. (Bild: PD)

Mauro Mantovani, Donald Trump droht Russland via Twitter mit einem Raketenangriff. Ist diese Drohung an die Adresse der Russen ernst gemeint oder reines Säbelrasseln?
Trumps Drohung richtet sich explizit gegen das Regime Assad und nur indirekt gegen Russland als dessen Schutzmacht. Ich denke, sie ist sehr ernst zu nehmen.

Wie realistisch ist ein Eingreifen der USA in naher Zukunft in Syrien?
Ich halte einen Militärschlag der USA gegen Ziele in Syrien für höchst wahrscheinlich und dies in nächster Zukunft.

Wie könnte ein solcher Einsatz aussehen?
Im Vordergrund stehen militärische Anlagen wie Flugplätze, Artilleriestellungen, aber auch Kommandozentralen. Ich erwarte eine Bekämpfung mehrerer Ziele mit höherer Intensität als noch vor einem Jahr gegen die Luftwaffenbasis Shayrat. Das Hauptziel wird sein, die syrische Luftwaffe entscheidend zu schwächen.

Auf was muss sich die Weltöffentlichkeit in nächster Zeit einstellen?
Auf qualitativ nichts wirklich Neues: Assad hat den Krieg in Syrien gewonnen und seine Verbündeten Russland und Iran haben sich im Land dauerhafte Positionen gesichert. Das Chaos und die humanitäre Notlage dürften sich noch verschlimmern.

Erst vor zwei Wochen hat Trump den Abzug von 2500 US-Soldaten aus Syrien angekündigt. Welche Ziele verfolgt der US-Präsident jetzt noch?
Ich sehe ein Hauptziel, die Verhinderung eines Wiederauflebens des "Islamischen Staates", und ein untergeordnetes Ziel, die Stärkung der Kurden auf ihrem Weg zur Autonomie. Für diese Ziele sind die USA noch bereit ein gewisses Mass an Risiken einzugehen.

Ursprüngliches Ziel der Amerikaner war der Sturz des syrischen Machthabers Assad. Dieser ist immer noch an der Macht. Hat die USA eine Chance, dieses Ziel überhaupt noch zu erreichen?
Mit dem bisherigen Mittelansatz sicher nicht. Da müsste schon eine grössere Militärkampagne auf dem Boden und aus der Luft erfolgen. Dazu sind die USA aber aus drei Gründen nicht bereit: Es gibt in Syrien keine politische Gruppierung, die für die Regierungsübernahme bereit ist, so dass das Land in ein noch grösseres Chaos gestürzt würde.

ETH-Sicherheitsexperte Mauro Mantovani. (Bild: PD)

ETH-Sicherheitsexperte Mauro Mantovani. (Bild: PD)

Zum zweiten, weil eine solche Kampagne das Risiko einer direkten militärischen Konfrontation mit Russland beinhalten würde. Und drittens wären bei einer solchen Gross-Intervention amerikanische Opfer unvermeidlich, was nach den jüngsten vergleichbaren Erfahrungen in der islamischen Welt innenpolitisch nicht zu rechtfertigen wäre.


Trump hat – ebenfalls auf Twitter geschrieben – die Beziehungen zwischen den USA und Russland seien so schlecht wie noch nie. Wie brenzlig ist die Lage wirklich?
Ich bin mässig beunruhigt, weil ich die russische Führung letztlich doch für einen rationalen Akteur handle. Sie ist sich ihrer militärischen Unterlegenheit gegenüber den USA bewusst und wird deshalb vorsichtig agieren. Für plausibel halte ich einzig die russische Drohung, ihre in Syrien stationierten Boden-Luft-Verteidigungssysteme vom Typ Pantsir, S-300 und S-400 zur Abwehr amerikanischer Marschflugkörper einzusetzen. Dadurch könnte Russland die Leistungsfähigkeit dieser Systeme beweisen, ohne amerikanisches Personal zu gefährden.

Wie sehen die Beziehungen zwischen den USA und Russland verglichen mit dem Kalten Krieg und dessen Krisen wie die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba aus?
Ich denke, die Welt ist heute viel weiter entfernt vom nuklearen Abgrund als 1962, weil die Nuklearwaffen besser gesichert sind und mehr Gesprächskanäle bestehen als damals.

Drohen in Syrien eine direkte Konfrontation und Kampfhandlungen zwischen US- und russischen Truppen?
Nein, beide Seiten wollen eine solche Konfrontation unbedingt vermeiden und haben entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Ist der Syrienkonflikt eine moderne Version der Stellvertreterkriege wie Korea, Vietnam oder in Lateinamerika in den 1960er- und 70er-Jahren?
Das kann man so sehen, obwohl die USA in Korea und Vietnam mit eigenen Kampftruppen präsent waren und nicht nur mit der Luftwaffe und Ausbildnern auf dem Boden. Letztlich erklärt der Begriff Stellvertreterkrieg die komplexe Konfliktkonstellation in Syrien aber nur sehr unzureichend.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Mauro Mantovani ist seit 2009 Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich (Milak). Zudem ist er seit vergangenem Jahr Chef Forschung und Lehre an der Milak. Zuvor war der promovierte Historiker in leitender Position für den Strategischen Nachrichtendienst tätig.

Der amerikanische Zerstörer USS Donald Cook wurde - bewaffnet mit Artillerie und Raketen - an die syrische Küste verlegt. (Bild: EPA)

Der amerikanische Zerstörer USS Donald Cook wurde - bewaffnet mit Artillerie und Raketen - an die syrische Küste verlegt. (Bild: EPA)