SYRIEN: IS verliert immer mehr Boden

Die Rückeroberung der antiken Wüstenstadt Palmyra ist ein weiteres Indiz für den Zerfall des «Islamischen Staates». Besiegt ist die Terrormiliz aber noch lange nicht.

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Es dauerte fast drei Monate, bis die von der russischen Luftwaffe massiv unterstützten syrischen Regierungstruppen Palmyra im März 2016 vom sogenannten Islamischen Staat (IS) zurückerobert hatten. Zur Inszenierung der Befreiung liess Wladimir Putin das Sinfonieorchester des Petersburger Mariinsky-Theaters in die Wüstenstadt einfliegen. Für den erneuten Verlust von ­Palmyra im Dezember letzten Jahres machte der russische Staatschef Baschar al-Assad persönlich verantwortlich – und verlangte die Rückeroberung.

10 Wochen später war die Schmach der Niederlage getilgt. Voller Stolz meldete das russische Staatsfernsehen am Mittwochabend die Rückeroberung von Palmyra und zeigte erste «Exklusiv-Bilder» von der berühmten Zitadelle am Rande der antiken Ruinenstätte. Bis Palmyra vollständig befreit ist, werden vermutlich noch einige Tage vergehen. Die Terrormiliz hat die Wüstenmetropole vermint und in einigen Stadtteilen offenbar Selbstmordattentäter zurückgelassen. Die rund 3000 Vertei­diger sollen sich bereits in Richtung Rakka, der selbst proklamierten «Hauptstadt» des stetig schrumpfenden IS-Kalifats, zurückgezogen haben.

«Eine Art Frontbegradigung» in der Region von Palmyra hatten Militärbeobachter seit Wochen erwartet. Nach Informationen des irakischen Geheimdienstes soll IS-Führer Al-Baghdadi den Rückzug seiner Terrormilizen nach Syrien angeordnet haben und auch Mossul inzwischen aufgegeben haben. Die Millionenstadt am Tigris ist zu 70 Prozent zurückerobert und von jeglichem Nachschub abgeschnitten. Wie in Palmyra sollen auch dort Selbstmordkommandos den Angreifern möglichst hohe Verluste zufügen.

Druck von allen Fronten

Abzuwarten bleibt, wo die neuen Verteidigungslinien des IS verlaufen werden. Unter massivem Druck sind die Dschihadisten von allen Fronten. Von Norden rücken die von den USA unterstützten kurdischen Volksverteidigungsmilizen (YPG) auf die noch vom IS gehaltenen Ebenen am Euphrat vor. Vom Westen kommt die Assad-Armee, die zur geregelten Wasserversorgung von Aleppo ebenfalls einen Zugang zu den Stauseen am Euphrat braucht. Während sich die syrischen Regierungsstreitkräfte und die YPG zu einer wohl temporären Zweck-Allianz zusammengeschlossen haben, sind die isolierten Terrormilizen auf sich allein gestellt.

Angesichts der stetigen Gebietsverluste in Syrien und dem Irak stellte sich die Frage, wie lange die «Marke IS» für potenzielle Rekruten und Geldgeber noch attraktiv bleibe, betont die an der Universität von Yale lehrende Islamwissenschaftlerin Mara Revkin. Die Gruppe stünde vor einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie es nicht mehr schaffe, ihren expandierenden Slogans gerecht zu werden.

Abweichler werden hingerichtet

Anzeichen dafür gibt es bereits seit langem. Auf die wachsende Kritik in den eigenen Reihen reagiert der IS mit hemmungslosem Terror. Hunderte von mutmasslichen «Abweichlern» wurden brutal hingerichtet. In ihrer Paranoia gehen IS-Kader sogar so weit, die Benutzung von Mobiltelefonen unter Androhung der Todesstrafe zu verbieten. Längst haben sich die Repressalien auch ausserhalb der «Kalifats»-Grenzen herumgesprochen. Reisten in der Blütezeit des IS (im Sommer 2014) bis zu 100 Deutsche jeden Monat nach Rakka, wurden im Herbst letzten Jahres nur noch fünf Ausreisen registriert.

Die ausbleibenden Sympathisanten und Kämpfer schmerzen den IS gewaltig. Die Terrormiliz befindet sich in einer Negativ­spirale, die nur durch nachhaltige Erfolge gestoppt werden kann. Dies müssen aus der Sicht des IS nicht unbedingt neue Eroberungen in Syrien oder dem Irak sein. Je mehr der IS an Boden verliert, desto entschlossener wird die Gruppe auf Terroranschläge im Westen setzen. «Selbst wenn der IS militärisch besiegt worden ist, wird der Konflikt unter anderen Vorzeichen weitergehen», befürchtet der Berliner Terrorismusexperte Michael Lüders.

Michael Wrase, Limassol