SYRIEN: Er entkam dem Grauen

Laut Amnesty International hat das Assad-Regime in einem Gefängnis in Damaskus bis zu 13000 Syrer hingerichtet. Omar Alshorge erlebte die Gräueltaten mit.

Michael Wrase/Limassol
Drucken
Teilen

Michael Wrase/Limassol

Neun Monate sass Omar Als­horge im Militärgefängnis von Sajdnaja, das sich in einem Vorort im Norden von Damaskus ­befindet. Seine Aussagen, die in ­einen aktuellen Bericht der Menschenrechtsorganisation Am­­­nesty International eingeflossen sind, sind erschütternd. Dreimal in der Woche seien die Agenten des gefürchteten militärischen Geheimdienstes gekommen. Sie hätten einzelne Inhaftierte mit Namen aufgerufen und dann in einem Nebenraum brutal gefoltert. «Als die Schreie der Gefangenen endlich aufhörten, kamen Autos, um die Leute abzutransportieren», so Alshorge. Er erkrankte im Gefängnis zwar an Tuberkulose, hatte aber dennoch Glück. Seine Familie konnte ihn freikaufen. Mittlerweile lebt der Syrer in Schweden.

Bis zu 13000 Syrer, die meisten von ihnen Zivilisten, wurden nach Erkenntnissen von Amnesty International in den letzten fünf Jahren im sogenannten «Schlachthaus» von Sajdnaja bei Massenhinrichtungen getötet. Vor ihrer Exekution durch den Strang seien die Insassen im Schnellverfahren von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden. Die Urteile stützten sich in der Regel auf Geständnisse, welche die Gefangenen nach oft wochenlanger Folter gemacht hätten. Die Menschenrechtsorganisation geht davon aus, dass die ein- bis zweimal wöchentlich stattfinden Massenhinrichtungen bis heute weitergehen. Die dargestellten Gräueltaten deckten «eine verborgene, monströse Kampagne auf», die von höchster Stelle genehmigt worden sei. Ziel des syrischen Regimes sei es, jede abweichende Meinung in der syrischen Bevölkerung zu vernichten. Neben systematischer Folter seien auch Vergewaltigungen sowie der Entzug von Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung an der Tagesordnung.

Für Amnesty International ist klar: Die Vereinten Nationen müssen die Gräueltaten sofort untersuchen, da es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt. Der UNO-Sicherheitsrat dürfe seine Augen nicht länger verschliessen. Sowohl die Anklagen als auch die Forderungen von Amnesty sind nicht neu. Bereits im August letzten Jahres hatte die Organisation den Tod von 18000 Menschen in Gefängnissen in ganz Syrien angeprangert. Auch sie seien schwerer Folter und anderen Misshandlungen ausgesetzt gewesen. Im UNO-­Sicherheitsrat verhinderten aber bis jetzt Russland und China eine Verurteilung Syriens.

Russland bremst im Sicherheitsrat

Auch in Zukunft dürfte Moskau seine schützende Hand über den mit ihm verbündeten Diktator Baschar el Assad halten. Nach der Eroberung von ganz Aleppo hat sich das Assad-Regime weiter stabilisiert. Dessen Sturz kann zumindest mittelfristig ausgeschlossen werden. Ein Verfahren gegen Staatschef Baschar el Assad und seine engsten Vertrauten vor dem internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag ist daher wohl unmöglich – vorerst zumindest. ­Assad und seine Entourage werden sehr wahrscheinlich keinen Grund dafür sehen, ihr brutales Verhalten rasch zu ändern. Schliesslich hat deren Perspek­tive einen Beitrag zum Machterhalt geleistet, nicht nur während des bald sechs Jahre anhaltenden Bürgerkrieges.

Auch vor dem Volksaufstand in Syrien waren Folter und Exekutionen an der Tagesordnung. Der Krieg in dem Land hat zu einer unfassbaren Verrohung geführt, zu der auch die dschihadistischen Milizen beitragen. Der IS und der Kaida-Ableger Nusra-Front töten ihre Gefangenen nicht mit dem Gewehr oder durch den Strang, wie dies die Schergen des Assad-Regimes tun, sondern schneiden ihnen in der Öffentlichkeit die Köpfe ab. Auch diese entsetzlichen Praktiken sind in Berichten von Amnesty International thematisiert und in scharfer Form verurteilt worden.