SYRIEN: Eingekesselt in der Todeswüste

Der IS steht vor der Eroberung der grössten Stadt Ostsyriens. Viele Kämpfer kamen aus Mosul, wo die Terrormiliz weiter an Boden verliert.

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Die Geschichte von Deir ez-Zor ist eng verknüpft mit Leiden, Tod und Vernichtung. Während des Ersten Weltkriegs endeten in der Stadt am Euphrat die Todesmärsche der Armenier. Wer sie überlebt hatte, wurde von den Osmanen in Konzentrationslager gesperrt, in denen Zehntausende elendig zugrunde gingen.

Fast genau 100 Jahre später steht Deir ez-Zor vor einer wei­teren Tragödie: Dieses Mal ist es der sogenannte Islamische Staat, der rund 120000 Menschen und etwa 3000 Soldaten der syrischen Armee von der Aussenwelt abgeschnitten hat und seit dem Wochenende den Belagerungsring um die Grossstadt immer enger zieht.

Strassen und Flughafen sind blockiert

Am Montag gelang es den Terrormilizen, die Versorgungsstrasse zwischen dem noch von Assad-Truppen beherrschten Militär- und Zivilflughafen und der Stadt unter ihre Kontrolle zu ­bringen. Auch die Tharda-Berge werden von den Jihadisten beherrscht, seitdem US-Kampfflugzeuge dort im September letzten Jahres fast 100 Regimesoldaten töteten. Die Luftangriffe seien «versehentlich» erfolgt, behaupten die Amerikaner. Russen und Syrer unterstellen der US-Armee vorsätzliches Handeln.

Solange die Tharda-Berge noch von Regierungstruppen ­beherrscht wurden, war der Flughafen von Deir ez-Zor einigermassen funktionsfähig. Seit dem ­Wochenende ist er vollständig blockiert. Die dort stationierten Kampfflugzeuge und Helikopter können nicht mehr abheben, ohne vom IS dabei beschossen zu werden. Massive Luftangriffe der syrischen und russischen Luftwaffe konnten den Vormarsch des IS inzwischen zwar verlangsamen, aber nicht stoppen.

IS verspricht Kämpfern «ein Haus und eine Frau»

Nach Erkenntnissen des Fernsehsenders Al Jazira hat die Terrormiliz ihre Offensive in Deir ez-Zor über Wochen vorbereitet. Aus Mosul in Irak seien Tausende von Kämpfern nach Syrien abgezogen worden. Arabische Militärexperten gehen davon aus, dass die Millionenstadt am Tigris in den nächsten zwei Monaten fallen wird. Als Rückzugsgebiet sei der Osten von Syrien mit Rakka, Palmyra und Deir ez-Zor auserkoren worden. Die Wüstenregion lasse sich besser verteidigen und eigne sich als Ausgangsbasis für neue Vorstösse in Richtung Damaskus sowie der Öl- und Gasfelder östlich von Homs.

Die äusserst prekäre Lage der Bewohner und Armeeeinheiten von Deir ez-Zor wird in den syrischen Staatsmedien sowie auf regimenahen Newsportalen nicht verschwiegen. Sollte es der syrischen und russischen Luftwaffe nicht bald gelingen, den Vormarsch des IS aufzuhalten und die eingekesselten Regionen aus der Luft zu versorgen, sei der Fall von Deir ez-Zor unabwendbar. Die noch verbleibenden Vertei­diger der Garnisonen müssten dann damit rechnen, vom IS im Rahmen einer grausamen Inszenierung massakriert zu werden.

Auf Twitter erinnern syrische User in diesem Zusammenhang an das «Speicher-Massaker». Es ereignete sich im Juni 2014 am Rande von Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, wo der IS mit unbeschreiblicher Brutalität 1700 schiitische Rekruten niedermetzelte.

Dass die eingekesselten Soldaten keine Gnade zu erwarten haben, geht aus der aktuellen Propaganda des IS hervor. Zur ­zusätzlichen Motivation hat die Führung der Terrormiliz den Teilnehmern der Schlacht um Deir ez-Zor «ein Haus und eine Frau» versprochen. Konkret heisst dies, dass die Einwohner von Deir ­ez-Zor ihre Häuser räumen und Frauen mit ihrer Versklavung rechnen müssen.

Michael Wrase/Limassol