SÜDSUDAN: Zwischen Hoffnung und Angst

Sechs Jahre nach der Unabhängigkeit steht der Südsudan wieder vor dem Neuanfang: Ein Waffenstillstand zwischen den Bürgerkriegsgegnern gibt Hoffnung. Doch der Frieden ist brüchig.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Ehemalige Kindersoldaten gestern bei einem Gedenkmarsch. (Bild: Albert Gonzalez Farran/AFP (Juba, 9. Juli 2017))

Ehemalige Kindersoldaten gestern bei einem Gedenkmarsch. (Bild: Albert Gonzalez Farran/AFP (Juba, 9. Juli 2017))

Markus Schönherr, Kapstadt

Am 9. Juli 2011 ertönte in Juba ein Hupkonzert. Menschen zogen zu Tausenden durch die Strassen, sangen, tanzten und begossen ihre neugewonnene Freiheit. Stolz schwenkten sie die Flagge ihres neuen Landes, deren Farben vergossenes Blut und Hoffnung symbolisieren: Die Unterdrückung durch den Norden war vorbei, der Südsudan eine unabhängige Nation. Genau sechs Jahre später bleibt die Hauptstadt still. Keine Fanfaren, keine Militärparade. Letzte Woche hatte die Regierung die 400 000 Euro teure Prozession zum Unabhängigkeitsjubiläum aufgrund finanzieller Engpässe abgesagt. Die Realität hat die jüngste Nation der Welt eingeholt, wie Informationsminister Michael Makuei Lueth verkündete: «Könnten wir diese Summe zusammenkratzen, würden wir sie lieber in die Lösung unserer wirtschaftlichen Probleme stecken, zur Bezahlung der Beamten und so weiter.»

Die Entwicklung des Südsudans stagnierte in den letzten drei Jahren. Grund dafür war der erbitterte Konflikt zwischen Präsident Salva Kiir und seinem in Ungnade gefallenen Vize Riek Machar. 2013 hatte Kiir sein gesamtes Kabinett entlassen, seinen Stellvertreter beschuldigte er eines Putschversuchs. Machar, ein ehemaliger Freiheitskämpfer wie Kiir, ging daraufhin in den Untergrund und sammelte seine treuen Soldaten um sich. Die anschliessende Rebellion gegen die Regierung kostete Zehntausende Südsudanesen das Leben, zwei Millionen wurden obdachlos.

Eine schwer angeschlagene Nation

Der politisch und ethnisch motivierte Konflikt hinterliess eine schwer angeschlagene Nation. Wegen Nahrungsmittelengpässen ist ein Drittel der elf Millionen Südsudanesen auf Hilfe angewiesen. Wassermangel und unhygienische Bedingungen in den Flüchtlingslagern führten zu Krankheiten wie Diarrhö und Cholera. Am schlimmsten traf es der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge aber die Psyche des traumatisierten Volks. «Während der Tod und die Zerstörung durch die Kriegsjahre offensichtlich sind, bleiben psychische Narben versteckt und vernachlässigt», so der Ostafrika-Direktor von AI, Muthoni Wanyeki. Soziale Normen wurden zerstört: ob Kinder zu Waisen wurden, der Vergewaltigung ihrer Mütter zuschauen mussten oder von Rebellen als Soldaten rekrutiert wurden. Auch seien Gefangene von der Armee und den Rebellen zu Kannibalismus gezwungen worden. Mädchen hätten sie mehrmals am Tag vergewaltigt. Das geht aus Interviews mit 161 Überlebenden, UNO-Behörden und Ärzten hervor.

Auch die Wirtschaft hat ge­litten. Viele Händler machten ihre Nachbestellungen von einem Waffenstillstand abhängig, wodurch zuletzt auch in Juba Grundnahrungsmittel und Benzin fehlten. Das südsudanesische Pfund verlor seit Erlangung der Unabhängigkeit knapp 90 Prozent seines Werts, und die Armee musste bis zu vier Monate ohne Bezahlung kämpfen.

Entsprechend gross war die Euphorie, als die Streitparteien letztes Jahr Frieden schlossen – zumindest auf dem Papier. Es dauerte weitere Monate des Blutvergiessens, ehe Machar im April seine Stellung im Busch aufgab und seinen alten Posten als Vizepräsident annahm. «Riek Machars Rückkehr gibt uns grosse Hoffnung, dass das Land wieder vereint sein wird», so der südsudanesische Menschenrechtsanwalt Biel Boutros. Tatsächlich schaffte es die neue Übergangsregierung, erstmals wieder so etwas wie Normalität in den Alltag der Südsudanesen zu bringen. Ein neues Kabinett vereint Minister aus beiden Lagern. Präsident Kiir traf diese Woche Israels und jüngst auch Chinas Staatsoberhaupt, um die Zusammenarbeit zu stärken. Dass man kein «gescheiterter Staat» sei, will die Regierung in Juba jetzt auch durch die Zahlung ihres Mitgliedsbeitrags für den regionalen Staatenbund beweisen: 8 Millionen US-Dollar zahlt sie an die Ostafrikanische Gemeinschaft.

Südsudanesen geben die Hoffnung nicht auf

Allerdings: Der Schein trügt. Bots­wanas Ex-Präsident Festus Mogae, der den Frieden vermittelte, äusserte sich zuletzt «sehr besorgt» über neue Zusammenstösse. «Leider ist der Fortschritt nicht eingetreten, den ich mir erhofft habe. Im Gegenteil, die Parteien stehen heute wieder weit auseinander.» Immer noch herrsche Streit über den Vorsitz des Übergangsparlaments, die Teilung der Armee und die Landesgrenzen. Letzte Woche war es erstmals wieder zu Kampfhandlungen zwischen den Erzrivalen gekommen, wie das Nachrichtenportal «Sudan Tribune» berichtet. Verkompliziert wird die Situation durch Dutzende kleinere Separationsbewegungen – sie gehören weder der Regierung noch der Opposition an und boykottieren den Frieden.

Das Durchhaltevermögen der Südsudanesen wurde in den letzten sechs Jahren hart auf die Probe gestellt. Trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf. So sind zwischen Schuldzuweisungen und dem Knattern der Maschinengewehre auch Zeichen von Normalität erkennbar. Diese Woche fand in Südsudans Hauptstadt das erste Juba Film Festival statt. Ein Jugendzentrum und ein Campus wurden in Kinos verwandelt. Sie präsentierten einem begeisterten Publikum über 30 Filme, die im Südsudan gedreht wurden, mit südsudanesischen Darstellern.