Südkoreas Erfolg in der Coronakrise hat eine Schattenseite: Immer mehr junge Frauen nehmen sich das Leben

Das Land am Han-Fluss hat die Pandemie zwar in den Griff bekommen, doch das Krisenjahr hat vor allem junge Frauen getroffen. Ihre Suizidrate ist massiv angestiegen. Auch, weil ihre Jobs als erstes gestrichen werden.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Sie sind die Leidtragenden der Coronakrise in Südkorea: Die Suizidrate bei jungen Frauen steigt dramatisch an.

Sie sind die Leidtragenden der Coronakrise in Südkorea: Die Suizidrate bei jungen Frauen steigt dramatisch an.

Auf den ersten Blick mutet Südkoreas Navigieren durch das Coronajahr wie eine beeindruckende Erfolgsgeschichte an: Epidemiologisch hat die Regierung mit Hilfe aggressiver Kontaktverfolgung von Infizierten die Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht, weniger als 500 Personen sind bislang an Covid verstorben.

Und auch wirtschaftlich hat das Land die Krise bereits überwunden, laut Prognosen wird das Bruttoinlandsprodukt bis Jahresende nur einen moderaten Einbruch von einem Prozentpunkt erleiden.

Doch hinter den nüchternen Zahlen spielt sich in der Gesellschaft eine stille Tragödie ab, die von den Medien des Landes lange ignoriert wurde. Die Suizidrate, ohnehin eine der höchsten aller entwickelten Industrienationen, ist wieder am Steigen. Vor allem jedoch sind junge Frauen betroffen, die im Krisenjahr nur mehr den Tod als Ausweg sehen.

Der alarmierende Blick in die Statistik

Ein Blick auf die Statistiken ist alarmierend: Von Januar bis August wurden über ein Drittel aller Suizidversuche von Südkoreanerinnen in ihren Zwanzigern begangen. Die Todesrate in jener Altersgruppe ist im Vergleich zum Vorjahr um knapp vierzig Prozent angestiegen – so drastisch wie in keinem anderen Bevölkerungssegment.

Mittlerweile wird das Thema von lokalen Medien als «stilles Massaker» bezeichnet – weil die patriarchale Gesellschaft lange die Augen vor dem Leiden der wohl verletztlichsten Bevölkerungsgruppe verschlossen hat.

Frauen werden häufig nur als Hilfskräfte gebraucht

«In unserer Gesellschaft sind männliche Arbeitskräfte noch immer die Hauptbeschäftigten. Frauen hingegen werden meist als überschüssige Hilfskräfte eingesetzt, die bei Bedarf arbeiten und jederzeit abgebaut werden können», sagt Jang Sook-rang, Professorin der Chung-Ang Universität zu einer lokalen Zeitung. Frauen seien hauptsächlich in der Dienstleistungsbranche tätig. Diese sei von Corona am stärksten betroffen.

Tatsächlich haben im Krisenjahr 2020 bislang weit über 120'000 Frauen in ihren Zwanzigern ihre Arbeitsstelle verloren. Gleichzeitig fallen sie durch den ohnehin rudimentären Sozialstaat, der ausschliesslich Hilfsmassnahmen für jene Südkoreanerinnen vorsieht, die eine Familie gründen. Alleinstehende Frauen ohne Kinder wurden bislang stets ignoriert.

Die koreanische Gesellschaft leidet bereits seit mehreren Jahrzehnten an einer der höchsten Suizidraten überhaupt. Die dahinterliegenden Gründe sind vielfältig, doch lässt sich die soziale Tragödie vor allem mit der rasanten Transformation nach dem Koreakrieg (1950-53) erklären.

Patriarchale Gesellschaft

Wie im Zeitraffer durchlief Korea in drei Jahrzehnten den gleichen sozialen Wandel, für den europäische Staaten über ein Jahrhundert Zeit hatten. Während die traditionellen Familienstrukturen im Turbokapitalismus auseinanderbrachen, konnte das rudimentär entwickelte Sozialsystem diese Entwicklung nicht auffangen. Eine Mischung aus Leistungsdruck, Vereinsamung und der Tabuisierung von psychischen Erkrankungen lassen für viele Koreaner nur mehr den Tod als Lösung erscheinen.

Gleichzeitig ist Südkorea nach wie vor eine hochpatriarchale Gesellschaft, die etwa beim Gender Gap Bericht des Weltwirtschaftsforum lediglich den 108. Platz von insgesamt 153 Nationen belegt. Kein anderes entwickeltes Land weist zudem ein höheres Lohngefälle zwischen Männern und Frauen auf. Die gläserne Decke ist in vielen koreanischen Unternehmen fest zementiert – dabei haben Frauen in Südkorea im Schnitt einen höheren Bildungsabschluss.

Für gesellschaftlichen Wandel könnte sorgen, dass viele junge Frauen die Thematik allmählich offen diskutieren – vor allem in den sozialen Medien. Eine Nutzerin kommentiert das Problem etwa scharf pointiert: «In Südkoreas patriarchaler Gesellschaft ist Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung eine erlernte Hilflosigkeit, die bereits mit der Kindheit beginnt».