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SÜDAMERIKA: Vergangenheit wirft lange Schatten

Bei seinem Besuch in Chile und Peru will sich Papst Franziskus mit der einheimischen Bevölkerung treffen. Doch viele Indigene haben nicht vergessen, welche Rolle die Kirche bei der Zerstörung ihrer Kultur gespielt hat.
Sandra Weiss, Puebla
Kallfurayen llanquileo, religiöse Führerin bei den Mapuche-Indigenen, deren Gemeinde der Papst in Chile besucht. (Bild: Esteban Felix/Keystone (Temuco, 8. Januar 2018))

Kallfurayen llanquileo, religiöse Führerin bei den Mapuche-Indigenen, deren Gemeinde der Papst in Chile besucht. (Bild: Esteban Felix/Keystone (Temuco, 8. Januar 2018))

Sandra Weiss, Puebla

Unterworfen, versklavt, von Epidemien dahingerafft, diskriminiert, verraten – für die Indigenen waren die fünf Jahrhunderte seit der spanischen Eroberung grösstenteils von grossem Leid geprägt. Auch die katholische Kirche hat mit der Evangelisierung eine umstrittene Rolle gespielt, wenngleich Papst Paul III. bereits 1537 in der Debatte, ob Indigene eine Seele hätten und damit auf menschlichem Niveau stünden, per Bulle eindeutig für die Ureinwohner Partei ergriff. Zwei Jahrzehnte später standen sie im Disput von Valladolid erneut im theologischen Zentrum, dabei ging es darum, ob sie in ihren Rechten den Europäern ebenbürtig seien – eine Position, die Fray Bartolomé de las Casas vehement vertrat, weshalb er als Urvater des Menschenrechtsgedankens gilt.

Danach fristeten die Ureinwohner auch in der Kirche eher ein folkloristisches Schattendasein. Papst Franziskus schenkte ihnen aber wieder Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit seiner Enzyklika «Laudato si», ein Plädoyer zur Bewahrung der Schöpfung. Bei seinem Besuch in Chile und Peru vom 15. bis 21. Januar werden die Indigenen gleich zweimal Protagonisten sein. Nicht alle begrüssen das. Reibungspunkte sind vorprogrammiert, und die Sicherheitsdienste sind in höchster Alarmbereitschaft. In Chile explodierten am Freitag Brandbomben vor mehreren Kirchen in der Hauptstadt Santiago, versehen mit einer eindeutigen Drohung: «Papst Franziskus, die nächsten gehen unter deiner Soutane hoch.» Unterzeichnet war das Schreiben nicht, es enthielt aber eine Anspielung auf Wallmapu, die historische Heimat der Mapuche-Indigenen.

Streit um jeden Quadratmeter

«Warum will der Papst ausgerechnet zu den Mapuche?», fragte sich die konservative chilenische Zeitung «El Mercurio». Morgen wird Franziskus nach Temuco in Südchile fliegen, das Herz von Wallmapu und eine der ärmsten Regionen des Landes. Dort tragen Mapuche-Indigene gewalttätig Landkonflikte mit Siedlern und Grosskonzernen aus, weshalb sie von der Elite als «Terroristen» abgestempelt und inhaftiert werden. Ein Zusammentreffen des Papstes mit gemässigten Mapuche-Vertretern ist vorgesehen – nach Ansicht von Beobachtern ein Versuch der Kirche, sich als Mittlerin zwischen den Indigenen und dem Staat zu positionieren. In Wallmapu widerstanden die Mapuche der spanischen Eroberung. Ein Friedensvertrag sicherte ihnen die Kontrolle über die Region südlich des Biobio-Flusses zu – bis Chile nach der Unabhängigkeit Anfang des ­ 19. Jahrhunderts einmarschierte, das Land annektierte und an Siedler und Investoren verscherbelte. Bis heute ist jeder Quadratmeter umstritten – auch das Gelände der Luftwaffenbasis, auf dem die Messe stattfindet: «Dort wurden ausserdem unter der Diktatur Regimegegner gefoltert», kritisierte der traditionelle Mapuche-Führer Aucan Huilcaman die Wahl des Ortes. 1987 war Papst Johannes Paul II. schon in Temuco und bat um Vergebung für das Unrecht an den Mapuche. «Wir wollen nicht noch mehr Symbolik, sondern Wiedergutmachung», forderte Huilcaman im Rahmen einer Protestkundgebung kürzlich. Die Sicherheitskräfte sind in höchster Alarmbereitschaft. Der Bischof der Diözese, Hector Vargas, sieht aber keinen Anlass zur Sorge. Die Mapuche seien ein friedliches Volk, beschwichtigte er, obwohl radikale Aktivisten in der Vergangenheit auch Kirchen niederbrannten.

«Der Papst hat ein Herz für Amazonien»

In Peru wird dann erstmals ein Papst den Amazonas bereisen. Der Regenwald liegt Franziskus besonders am Herzen; deshalb regte er die Gründung des Panamazonischen Kirchlichen Netzwerks (Repam) an und berief für 2019 eine Synode über die Probleme am Amazonas ein. In Puerto Maldonado, einer konfliktbeladenen Goldgräberstadt, kann Franziskus sowohl die Umweltzerstörung persönlich in Augenschein nehmen als auch die Folgen des Goldrauschs, etwa beim Besuch des Kinderheims «Principito» des Schweizer Priesters Xavier Arbex, wo Waisen und aus der Zwangsprostitution befreite Jugendliche Zuflucht finden. Auch In Puerto Maldonado ist ein Treffen mit indigenen Vertretern geplant, in deren Stammesgebiet immer mehr Goldgräber und Holzfäller vordringen – oft mit Hilfe korrupter Staatsbediensteter und Politiker. Umweltschützer hoffen deshalb auf Schützenhilfe vom Papst. Eine Gruppe will ihm einen «Pakt für Umweltgerechtigkeit» vorlegen, in dem Vorschläge zum besseren Umweltschutz am Amazonas gemacht werden.

«Der Papst hat ein Herz für Amazonien», sagt der alternative Ökonom ­Alberto Acosta, der sich für die «Rechte der Natur» einsetzt. «Seine Stimme findet Aufmerksamkeit, und es ist wichtig, dass er sich gegen die weitere Ausbeutung des Regenwalds ausspricht, dass er Partei ergreift für die Natur und die Menschen und gegen das Kapital.» Das wäre eine eminent politische Stellungnahme. Denn sowohl die Regierung in Peru als auch der neue chilenische Präsident Sebastián Piñera setzen auf Bergbau und Monokulturen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

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