SÜDAFRIKA: Skandale und Kritik zum Mandela-Tag

Heute, am Internationalen Nelson-Mandela-Tag, feiert die Welt den Anti-Apartheid-Kämpfer. Die Feier wird nicht nur von Kritik überschattet, sondern auch von neuen Enthüllungen über Mandelas Tod.

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67 Jahre hatte Nelson Mandela für Südafrikas Freiheit gekämpft. 67 Minuten sind Südafrikaner und Menschen weltweit aufge­rufen, an seinem Geburtstag am 18. Juli etwas für den wohltätigen Zweck zu tun.

Auch die Krankenhäuser in der südafrikanischen Provinz Westkap nahmen sich die Zahl zu Herzen – und spenden dieses Jahr 67 Hüft- oder Knieprothesen. Vor acht Jahren war Julia Witbooi an Arthritis erkrankt. Für die Grossmutter aus dem Armenviertel Montana bei Kapstadt bedeutete die Diagnose nicht nur eingeschränkte Beweglichkeit, sondern vor allem eins: nicht enden wollende Schmerzen. «Ich bin von Natur aus eine harte Arbeiterin. Ich hasse es, herumzusitzen und nichts zu tun. Das ist Zeit­verschwendung», klagt sie der Tageszeitung «Cape Argus».

Auf die rettende Hüftoperation im staatlichen Krankenhaus hätte Witbooi noch zwei weitere Jahre warten müssen. Doch dank Südafrikas Staatsvater erhielt sie schon jetzt ein neues Gelenk. Um die kostenlosen Eingriffe zu ermöglichen, arbeiten die Kliniken mit Hilfsorganisationen und dem Privatsektor zusammen.

Mandela lehnte Feiertag ab

In Tansania haben südafrikanische TV-Stars und Unternehmer unterdessen den Kilimandscharo, Afrikas höchsten Berg, in Angriff genommen. 23 Prominente nehmen dieses Jahr an der Kampagne «Trek4Mandela» teil. Ihr Ziel ist es, genügend Spenden zu sammeln, um Binden für 500 000 Mädchen zu kaufen. In Afrika verpassen Schülerinnen jedes Jahr 50 Unterrichtstage, weil ihnen der Zugang zu hygienischen Einlagen fehlt.

1994 wurde Mandela zum ersten Präsidenten des freien Südafrikas gewählt. Einen Feiertag zu seinen Ehren hatte der ­Nationalheld stets abgelehnt, er wünschte sich stattdessen einen «Tag der Aktion». Deshalb erklärte die UNO 2009 den 18. Juli zum Internationalen Nelson- Mandela-Tag. Um in seinem Namen Gutes zu tun, finden Menschen auch dieses Jahr zusammen, um Kindern vorzulesen, Suppe an Obdachlose zu verteilen oder Blut zu spenden.

Dieses Jahr wird der Aktionstag jedoch von Kritik begleitet. Immer mehr Südafrikaner sehen darin einen Spendenmarathon, der viele glückliche Gesichter hinterlässt, aber keine nachhaltigen Ergebnisse liefert. «Mandela Day ist anstrengend», meint die südafrikanische Kolumnistin ­Kekeletso Nakeli-Dhliwayo. «Du siehst Bilder von Angestellten, die neben armen kleinen Kindern posieren – je schmutziger, desto besser. Ein Problem wird es, wenn Konzerne dafür belohnt werden, wenn sie Gutes tun. Das sollte Standard sein.»

Die Nelson-Mandela-Stiftung, die das ideelle Erbe des Anti-Apartheid-Kämpfers pflegt, ist sich der Kritik bewusst. Deshalb startete die Organisation die Kampagne «Action Against ­Poverty», durch die Schüler, Obdachlose und Townshipbewohner mehr als nur Aushändigungen erhalten sollen.

In Slums sollen Gemeinschaftsgärten entstehen, die die lokale Bevölkerung ernähren. Statt auf den Sondermüll sollten ausrangierte Computer an hilfsbedürftige Schulen abgegeben werden, alte Bücher an Bibliotheken. «Wir fordern Südafrikaner und die Menschen rund um die Welt heraus, Langzeitprojekte in Angriff zu nehmen, um die Armut zu bekämpfen», so Direktor Sello Hatang.

Mandelas Leibarzt veröffentlicht Buch

Überschattet wird der Wohltätigkeitstag neben Kritik auch von neuen Enthüllungen aus den letzten Stunden des Nobelpreisträgers. Demnach habe Mandela bereits ein halbes Jahr vor seinem Tod im Dezember 2013 kurzzeitig zu atmen aufgehört. Bei der anschliessenden Fahrt in ein Krankenhaus bei Pretoria soll der ­Motor des Rettungswagens Feuer gefangen haben. «Madiba in einer brennenden Ambulanz. Das war grauenhaft», sagt der ehemalige Armeearzt Vejay Ramlakan.

Laut Mandelas Leibarzt, dessen Erlebnisse heute als Buch erscheinen, seien Spionagekameras nicht nur im Schlafzimmer des früheren Präsidenten aufgetaucht, sondern auch in dessen Krankenhauszimmer. Für Gesprächsstoff sorgt auch Mandelas Sterbebett: So habe im Augenblick seines Todes nicht Mandelas Frau Graca Machel dessen Hand gehalten, sondern dessen Ex-Frau Winnie Madikizela-Mandela. Von ihr hatte sich der Friedensaktivist, sechs Jahre nachdem er aus der politischen Haft entlassen wurde, wegen ihrer radikalen Ansichten getrennt.

Markus Schönherr, Kapstadt