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Winter in Libanon trifft Flüchtlinge hart

Rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben im Nachbarland Libanon. Überschwemmungen haben ihre prekäre Lage nochmals verschärft.
Meret Michel, Bar Elias
Aufräumarbeiten im Flüchtlingslager im libanesischen Bar Elias. Bild: Marwan Naamani/DPA (13. Januar 2019)

Aufräumarbeiten im Flüchtlingslager im libanesischen Bar Elias.
Bild: Marwan Naamani/DPA (13. Januar 2019)

Als Familie Al-Khaled vor sieben Jahren aus ihrem Haus in Al-­Qusair südlich von Homs floh, hing noch die Wäsche zum Trocknen an der Leine. Sieben Jahre später verliessen sie ihr Zuhause nicht weniger überstürzt. Als im Januar der Fluss Litani wegen dem Sturm Norma anschwellte, die Strassen in Bar Elias in der libanesischen Bekaa-Ebene überflutete und schliesslich ins Innere ihres Zeltes drang, liessen sie alles zurück, um Schutz vor dem Unwetter zu suchen. «Matratzen, Teppiche, Kleider, Essen, alles, was am Boden war, wurde überflutet», sagt Abu Omar Al-Khaled.

Die beiden Stürme Norma und Miriam, die in der ersten Januarhälfte über den Libanon fegten, machten diesen Winter zu einem der heftigsten seit Jahren. Am härtesten traf es die syrischen Flüchtlinge, die in inoffiziellen Zeltlagern in der Bekaa-Ebene oder im Norden des Landes leben. Tausende von ihnen mussten wie Familie Al-Khaled ihr Zelt fluchtartig verlassen und verloren einen Grossteil des Wenigen, was sie besitzen. In einem Lager in Arsal wurden Hunderte Zelte unter einer meterhohen Schneedecke begraben. In Bar Elias, wo auch Familie Al-Khaled seit sieben Jahren lebt, flutete der überlaufende Fluss Hunderte von Zelten.

Krankheiten greifen um sich

Die Zeltreihe, wo die Familie Al-Khaled lebt, reiht sich entlang von Wohnblöcken in einem Aussenviertel von Bar Elias. Draussen vor dem Zelt steht die Strasse noch immer mindestens einen halben Meter unter Wasser. Wegen der mangelhaften Infrastruktur fliesst die von Chemie und Abwasser kontaminierte Lache nur langsam ab. Von der Feuchtigkeit und der Kälte sind viele Leute krank geworden, wie das Hilfswerk Aktion gegen den Hunger mitteilt. Lungenentzündungen, Fieber und Grippe breiteten sich aus. Und auch Walid Jumaa Al-Khaled, Abu Omars Bruder, sagt, es gäbe keine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied krank geworden sei.

Der Sturm war nicht nur der heftigste seit Jahren, er trifft die Syrer auch in einer Zeit, in der das Leben im Libanon ohnehin schon zunehmend schwerer geworden ist. Seit acht Jahren herrscht in Syrien Krieg. Im Nachbarland Libanon leben rund 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge – das Land hat die höchste Anzahl Flüchtlinge pro Einwohner. 2018 lebten 58 Prozent von ihnen in extre­-mer Armut und von weniger als 2,78 Dollar am Tag – Tendenz steigend. Fast neunzig Prozent von ihnen sind verschuldet, weil sie anders ihre Ausgaben nicht decken können. Familie Al-Khaled zum Beispiel. In ihrem Dorf in Syrien arbeiteten sie in der Landwirtschaft, besassen Land, auf dem sie Pfirsiche, Feigen und Aprikosen anbauten. Seit sie 2012 in den Libanon geflohen sind, ergeben sich manchmal Gelegenheitsjobs auf dem Bau – einer der wenigen Berufsfelder, in dem die Syrer im Libanon legal arbeiten dürfen. «Einen Tag haben wir Arbeit, dreissig Tage warten wir», sagt Abu Omar. Familie Al-Khaled ist von Hilfsleistungen abhängig. Doch selbst damit reicht das Geld kaum, um die Miete für den Boden zu zahlen, auf dem ihr Zelt steht, den Strom, Essen, Arztbesuche. Die Miete konnten sie seit Monaten nicht zahlen, so dass der Grundbesitzer bereits drohte, sie rauszuwerfen.

Spendengelder gehen zurück

Während die Not der Syrer im Libanon steigt, gehen auf der anderen Seite die Unterstützungsgelder für Hilfsorganisationen zurück. Das Budget des UNHCRs für die Syrer im Libanon etwa war 2018 nur zu rund vierzig Prozent gedeckt. Im September 2018 bat das Hilfswerk dringend um Spenden in der Höhe von 270 Millionen Dollar, für die monatlichen Unterstützungszahlungen pro Familie sowie die Winterhilfe.

Doch nicht nur das UNHCR, auch kleinere Organisationen kämpfen damit, dass die Spendebereitschaft für syrische Flüchtlinge zurückgegangen ist. «Vor ein paar Jahren wurde noch für alles gespendet, was irgendwie mit Syrern zu tun hat», sagt Yasmin Kayali von der libanesisch-syrischen Organisationen Basmeh and Zeitooneh Relief and Development. «Das ist heute leider nicht mehr so.»

Vor allem für Grundunterstützung wie Essen oder die Verbesserung der Infrastruktur in den inoffiziellen Lagern (Relief-Work) seien kaum noch Gelder zu finden. Wenn, dann würden Projekte zur Frauenförderung oder für Schulen gespendet. «Und das ist ja auch grundsätzlich richtig», sagt Kayali. Schliesslich sei das Ziel, dass die Flüchtlinge nicht für immer von Hilfsleistungen abhängig seien, sondern stattdessen die Möglichkeit haben, sich selber eine Existenz aufzubauen.

Doch gerade im Libanon ist der Bedarf an grundsätzlicher Hilfe noch immer gross. «Auf diesen Sturm zum Beispiel waren wir nicht vorbereitet, obwohl wir wussten, dass er kommt», sagt Kayali. «Aber wenn wir davor ein Crowdfunding machen, damit wir die Lager auf das Wetter vorbereiten können, spendet kaum jemand dafür», sagt sie. «Wir brauchen – leider – die Bilder von den Zelten, die meterhoch im Wasser stehen, damit die Leute Geld spenden.»

«Wenigstens sind unsere Kinder in der Schule»

Basmeh und Zeitooneh, zusammen mit einer Handvoll weiterer lokaler Organisationen, waren während den elf Tagen Unwetter rund um die Uhr am Arbeiten, sie kochten Essen, funktionierten ihre Büros und Ausbildungszentren zu Massenlagern um und halfen nach dem Sturm, die Zelte wieder aufzubauen. «Ein Teil des Geldes bräuchten wir eigentlich für die Ausbildungszentren, die wir betreiben», sagt Mahmoud, der als Freiwilliger für die Organisation Sawa for Development and Aid arbeitet. Und der finanzielle Druck auf die Syrer sei so gross geworden, dass manche von ihnen nach Syrien zurückgekehrt seien, sagt er.

Familie Al-Khaled allerdings will vorerst im Libanon bleiben. «Wenigstens sind hier unsere Kinder in der Schule», sagt Abu Omar. «Wir haben unsere Zukunft bereits verloren. Aber wir wollen, dass wenigstens unsere Kinder eine haben.»

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